Zack, da war es passiert: 500 Meter, 10 Minuten und 80 Liter Super nach der Abholung des mit frischen Kurzzeitkennzeichen bestückten Range Rover kamen die ersten Zweifel. Zweifel ob es wirklich die richtige Entscheidung war, sich für ihn zu entscheiden, denn er gab keinen Mucks mehr von sich. Ob es nicht doch eher ein neuer VW Polo für denselben Geldbetrag getan hätte?

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Ja, so günstig sind sie geworden, die altehrwürdigen Geländewagen der britischen Königsklasse, deren Baureihe L322 kurz nach der Jahrtausendwende das Licht der Welt erblickte. Die letzte Baureihe, die noch völlig ohne effektheischendes LED-Blingbling oder 22 Zoll große Aluräder auskam. Reduktion auf das Wesentliche lautet das Motto, das Design klar und schnörkellos und gerade deshalb ganz typisch Range Rover – mit dem passenden Schuss Exklusivität und Zurückhaltung gepaart. Diese wunderbaren Autos, innen mit fein vernähtem Echtleder und größtmöglicher Sorgfalt zusammengebaut, will heute keiner mehr haben. Bei offiziellen Land Rover Stützpunkten sind sie so gut wie ausgestorben und fristen stattdessen ihr Dasein auf den einschlägigen Hinterhöfen der Gebrauchtwagenmeilen von Frankfurt, München und Berlin.

Der wirtschaftliche Aspekt, der Spritverbrauch und die Besteuerung machen schon den nur halbwegs Interessierten Angst und Bange. Die Furcht vor Defekten an einem über zehn Jahre alten britischen Auto tut ihr Übriges dazu. Der sparsame Sechszylinder-Diesel mit 177 PS kommt dank gelber Plakette kaum noch in die Innenstädte Deutschlands, was ihn nebst seiner unmöglichen Geräuschkulisse fast unnutzbar macht. Weshalb unser Proband auch den 4,4-Liter BMW-V8 mit 286 PS unter der Haube trägt (ab Modelljahr 2006 kam der V8 von Jaguar und hatte 306 PS). Mit seinem samtigen Lauf und dem sonoren Sound passt er perfekt zum kultivierten Auftritt des Geländewagens. Dafür zahlt man auch gerne etwas mehr an der Zapfsäule, kommt aber dennoch mit rund 13 Litern Super auf 100 Kilometer aus.

Kultiviert ist ohnehin ein passender Ausdruck. Hat man einmal auf dem vielfach einstellbaren Ledergestühl Platz genommen, fühlt man sich dank des tollen Materialmixes von echtem Aluminium, Edelholz, Leder und fein unterschäumten Oberflächen wie in einem großen rollenden Einfamilienhaus. Durch die umlaufenden Glasflächen ohne schrecklich breite C- und D-Säulen oder seltsam geformte Fenster erhält man einen fantastischen Rundumblick, der den Range Rover gefühlt deutlich kompakter macht, als es seine Ausmaße tatsächlich sind. So wird der Satz „Der Weg ist das Ziel“ zum neuen Motto: Man möchte am liebsten gar nicht mehr aussteigen.

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Die Fünfgangautomatik von ZF (später Sechsgangautomatik) wechselt sanft ihre Fahrstufen und die serienmäßige Luftfederung lässt im Hinblick auf den Fahrkomfort kaum Wünsche offen. Sie fährt ab 100 Km/h in den etwas tieferen Autobahnmodus. Die „Windschlüpfrigkeit“, sofern man bei dem cW-Wert einer großen Schrankwand davon sprechen kann, verbessert dieser Kniff zwar kaum, doch zum Schnellfahren gibt es andere und weitaus bessere Autos. Die 208 Km/h-Angabe im Fahrzeugschein werden wir vermutlich nie testen, maximal 140 auf der rechten Spur reichen völlig aus und sind genug, um nebenbei noch am völlig veralteten Navigationssystem herumzuspielen und die Cockpitlandschaft weiter auf sich wirken zu lassen.

Es war im Übrigen nur die etwas schlappe Starterbatterie, die unseren gebrauchten Range Rover kurz nach Fahrtantritt so abrupt stoppte und auf den vermeintlichen Boden der Tatsachen zurückholte. Doch einige Schwachstellen sollen für die Gebrauchtwagenkäufer nicht unerwähnt bleiben: So ist die Mechanik der frühen Motoren – insbesondere die Benziner – für ihre Langlebigkeit bekannt, 200.000 Kilometer und mehr stellen kein Problem dar. Bei den Dieseln, vor allem bei den starken TDV8 der Facelift-Modelle (ab 2006), ist Vorsicht angesagt. Turboschäden gehen hier kräftig ins Geld. Letztendlich bleiben die Supercharged-V8 mit knapp 400 PS übrig, die ihren Reiz natürlich aus der motorischen Faszination ziehen. Ob man diese in einem „Castle“ wie dem Range Rover auch noch braucht, sei dahingestellt.

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Die ZF-Fünfgangautomatik (Benziner) gilt allgemein als etwas anfälliger als die spätere Variante mit sechs Gängen. Eine im Vorfeld vorgenommene Getriebewartung kann nie schaden. Die Luftfederung sollte sich problemlos in allen Stufen im Stand verstellen lassen und auch nach mehreren Tagen Standzeit nicht „absacken“. Querlenker und Koppelstangen zollen dem hohen Gewicht von mindestens 2,7 Tonnen Tribut und machen durch unschöne Klappergeräusche auf sich aufmerksam. Bei den frühen V8-Modellen waren außerdem die Kühler gerne undicht, hier sollte im besten Falle bereits ein Austausch erfolgt sein. Auch Undichtigkeiten im komplex aufgebauten Antriebsstrang machen gern mal etwas Ärger beim TüV. Die Karosserie ist dafür weitgehend unauffällig, was Korrosionsprobleme betrifft.

Ja, der britische Landadel unter den Geländewagen war schon immer mit ein wenig Vorsicht zu genießen, doch dafür entschädigt er mit purem Luxus, hoher Exklusivität und einem Fahrgefühl, das gerade heute seines Gleichen sucht. Er ist kein einfacher Gebrauchtwagen: Er ist eine Versuchung, der man – einmal erlebt – nur schwer widerstehen kann.