Einmal musste es ja so kommen. Einmal musste Land Rover ja die Fertigung des 4×4-Urgesteins – des Defender – einstellen. Heute war es nun soweit. Nach fast 70 Jahren stellt das Land Rover-Werk in Solihull die Fertigung des Geländewagens ein. Jawoll, GELÄNDEWAGFEN. Und wer das britische Modell als SUV bezeichnet, der darf sich nicht nur von den 700 ehemaligen und aktuellen Mitarbeitern, die zur heutigen Feier- (oder besser Trauer-) -stunde erschienen waren, ordentlich was anhören.

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Zum Abschluss die Angestellten dann noch  einige besonders wichtige Modelle in Bewegung erleben oder sogar selbst steuern; darunter das erste Vorserienmodell überhaupt, der legendäre „Huey“, und das letzte jetzt gefertigte Fahrzeug, ein Defender 90 Soft Top in Heritage-Ausstattung.

Die Parade anlässlich der Defender-Feierstunde in Solihull vereinte mehr als 25 Fahrzeuge aus der langen und ruhmreichen Geschichte. Der Korso, zu dem der gerade gefertigte letzte Defender zählte, umrundete das gesamte Werk. Neben heutigen Mitarbeitern wohnten auch frühere Beschäftigte aus der 68-jährigen Produktionszeit dem einmaligen Ereignis bei. Der letzte Defender hatte dabei ein Teil an Bord, das bereits 1948 zur Ausstattung seines Urahnen zählte: eine Verdeckklemme für das Soft Top. Nach dem Defender-Abschied rollt das letzte Unikat in die Ausstellung der Jaguar Land Rover Collection.

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Den historischen Tag nutzt Land Rover außerdem für den Start seines neuen „Heritage“-Restaurierungsprogramms. Am Ort der bisherigen Defender-Fertigung in Solihull befasst sich ein Expertenteam mit der Wiederherstellung klassischer Modelle des Defender und seiner Ahnen, die aus der ganzen Welt zurück nach England gebracht werden. Die ersten fachmännisch restaurierten Fahrzeuge gelangen im kommenden Juli in den Verkauf.

Land Rover lädt darüber hinaus Fans und Besitzer aus aller Welt ein, die schönsten und denkwürdigsten Momente mit einem Land Rover der Serien I bis III oder einem Defender zu teilen. Die britische Marke startete dafür in Kürze unter www.landrover.com/defenderjourneys die neue Online-Plattform „Defender Journeys“. In diesem digitalen Sammelalbum sollen die Fans ihre spannendsten Abenteuer mit dem Allradklassiker zusammentragen und mit anderen Usern teilen.

Von 1948 bis 2016: eine Erfolgsgeschichte aus Solihull

Über zwei Millionen Einheiten des Defender und seiner Vorfahren sind seit 1948 im britischen Solihull von den Land Rover-Bändern gerollt. Es begann mit einer einfachen Umrisszeichnung im Sand – und entwickelte sich zu einem der legendärsten 4×4-Modelle der Welt. Einem Modell mit dem Ruf als wahrscheinlich vielseitigstes Auto des Planeten, das seinen Besitzer dorthin bringt, wohin andere Modelle nicht gelangen. Ende 2015 sorgte das Modell „Defender 2,000,000“ für Aufsehen: Das Unikat zum zweimillionsten Jubiläum wurde in London für sage und schreibe 400 000 britische Pfund (zirka 549 000 Euro) versteigert – Welten entfernt von den 450 Pfund, die der Käufer des ersten Land Rover 1948 auf der Amsterdam Motor Show bezahlen musste.

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1948 war das Jahr, in dem die planmäßige Fertigung der Serie I begann – unter schwierigen Bedingungen. Denn das Großbritannien der Nachkriegszeit besaß zwar enorme Produktionskapazitäten, litt aber unter Stahlmangel. Einen Ausweg fanden hier Spencer und Maurice Wilks. Die beiden Brüder an der Spitze der Rover Company hatten das Unternehmen bereits in den 1930er-Jahren wieder in die Gewinnzone gebracht. Jetzt konzipierten sie den Land-Rover: ein Auto, größtenteils aus Aluminium, das vorrangig für den britischen Farmer gedacht war. Die Gebrüder Wilks konnten nicht einmal im Ansatz ahnen, welchen Welterfolg sie hier auf die Räder gestellt hatten.

Laufende Verbesserungen des Ursprungsmodells folgten, ehe 1958 die Serie II erschien. Neben einem neuen Design besaß die zweite Generation auch erstmals einen Dieselmotor, der noch bis Mitte der 1980er-Jahre treu seine Dienste verrichtete. 1966 war die Marke von einer halben Million produzierter Fahrzeuge überschritten, 1971 erreichte die Jahresproduktion mit 56 000 Einheiten einen historischen Höchststand. Die Serie III konsolidierte in den 70er-Jahren dauerhaft die guten Verkaufszahlen.

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Das Jahr 1990 sah dann eine Zäsur, denn der Land Rover bekam den Namen Defender, nachdem er zuvor allein durch Radstand und Seriennummer klassifiziert wurde. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte das Modellprogramm nur aus Land Rover und Range Rover bestanden – die Ankunft des Discovery machte eine weitere Differenzierung notwendig, tat der Beliebtheit jedoch keinen Abbruch.

Eine Ursache für den Erfolg des Defender und seiner Ahnen ruht zweifelsfrei in der Option, auf Basis der Modellplattform eine Vielzahl an Varianten zu schaffen. So gab es den 4×4-Klassiker beispielsweise als Löschfahrzeug, als Frontlenker-Lkw, als Hubsteiger – und sogar als voll schwimmfähiges Amphibienfahrzeug. In den 68 Jahren seiner Modellgeschichte wurde er von allen möglichen Fahrern pilotiert, von Farmern und Forschern, von VIPs und gekrönten Häuptern.

Für viele Besitzer wurde „ihr“ Defender zu einer Art Familienmitglied. Und auch die Produktion im Werk Solihull entwickelte sich im Lauf der Jahrzehnte zu einer echten Familienangelegenheit.

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Ein Beispiel hierfür ist Tim Bickerton. Der heute 55-Jährige begann als Auszubildender bei Land Rover und ist mittlerweile seit 40 Jahren im Unternehmen beschäftigt. Er folgt damit seinem Großvater Charlie und seinem Vater Peter, die 35 bzw. 30 Jahre am Land Rover-Band standen, zuletzt jeweils als Vorarbeiter. Aber auch mit Tim ist die Bickerton-Familiengeschichte mit dem Defender nicht zu Ende: Tochter Jade (25) arbeitete im Logistik- und Materialwesen für die Allradlegende, ehe sie kürzlich eine neue Aufgabe bei Jaguar Land Rover übernahm. Und schließlich setzte im vergangenen Jahr der 23-jährige Sohn Scott als fünftes Familienmitglied die Defender-Tradition der Bickertons fort.

Tim Bickerton, der in der Fertigung von Defender-Sondermodellen tätig war, erklärt: „Ich bin sehr stolz auf unsere Familientradition – unsere Arbeit über Generationen für dieses außergewöhnliche Modell. So ist der Defender zu einem Teil unserer Familie geworden. Für viele Menschen ist der Defender gleichbedeutend mit Land Rover – er wird ja häufig als Arbeitspferd angesehen, aber für uns ist er ein echter Vollblüter.“

Ein weiter Defender-Veteran ist David Smith: 56 Jahre alt und 37 Jahre lang in Diensten des Defender, ehe er nun ans Produktionsband des Jaguar XE wechseln wird. Der frühere Metzger wurde im Alter von 20 Jahren Teil der Land Rover-Belegschaft, weil er hier sein Wochengehalt auf 80 Pfund verdoppeln konnte – und einen Job mit besten Zukunftsaussichten erhielt. David Smith: „Der Defender ist ein besonderes Auto, das weitgehend von Hand zusammengebaut wurde. Dafür musste man ein Gefühl bekommen: Wir nennen es „den Kniff“. Es braucht Monate, um den Kniff zu lernen. Dahinter steckt die Fähigkeit, in hoher Geschwindigkeit zu arbeiten und eine anstrengende Kombination verschiedener Fertigkeiten zu realisieren. Wenn man am Defender arbeitet, wird man Teil einer großen Familie.“

Das neue „Heritage“-Restaurierungsprogramm

Wie eingangs erwähnt, wird der Name Defender auch in Zukunft nicht aus den Werkshallen in Solihull verschwinden. Dafür sorgt allein schon das neue „Heritage“-Programm zur Restaurierung klassischer Land Rover- und Defender-Modelle. Geleitet wird das Projekt von zwölf Experten, von denen zehn bislang am Defender-Band beschäftigt warten. Sie befassen sich nun mit der fachgerechten Restaurierung klassischer Modelle, vorrangig der Serien I bis III. Gemeinsam kommt das Team auf 172 Jahre Erfahrung mit Land Rover oder dem Defender. Tony Martin, einer der Experten, hat sein gesamtes Arbeitsleben in Solihull verbracht – er folgte dabei seinem Vater und seinem Großvater. So kann er demnächst möglicherweise Fahrzeuge fachmännisch restaurieren, die einst sein Großvater zusammengebaut hat.

Tim Hannig, Jaguar Land Rover Heritage Director: „Land Rover Heritage bietet den Kunden und Fans in aller Welt Fahrzeuge, Service, Ersatzteile und Erlebnisse. Unser neues Restaurierungsprojekt und die Vermarktung fachgerecht restaurierter Modelle der ersten Serien verdeutlichen, dass klassische Land Rover-Modelle nicht nur Teil unserer Geschichte, sondern auch unserer Zukunft sind.“

„Defender Journeys“ – das digitale Sammelalbum

Weiterhin startet Land Rover in Kürze „Defender Journeys“. Die Online-Plattform unter www.landrover.com/defenderjourneys lässt das legendäre Modell auch in der digitalen Welt weiterleben. Das Sammelalbum im Internet ermöglicht Fans und Fahrern, Erinnerungen an unvergessliche Momente oder einzigartige Erlebnisse mit dem Defender oder seinen Vorgängern hochzuladen und mit anderen Usern zu teilen. Ziel ist es, per Crowdsourcing die schönsten Reisen zusammenzutragen und in einer Onlinekarte zu verewigen – damit die großen Defender-Momente für die Nachwelt erhalten bleiben.

Das Auslaufen der Defender-Produktion im Werk Solihull bedeutet zugleich das Ende für die „Defender Celebration Line“ – zumindest in physischer Gestalt. Die originalgetreue Nachbildung des Produktionsbands aus dem Jahr 1948 hatte in den vergangenen zwölf Monaten mehr als 10 000 Besucher angelockt. In der Ausstellung schlug Land Rover mit vielen Exponaten einen Bogen von den Anfangsjahren bis in die heutige Zeit.

Aber die klassische Defender-Produktion bleibt in digitaler Form ebenfalls erhalten. Unter der Adresse http://defendertour.landrover.com können die Fans ab sofort eine virtuelle 360-Grad-Werksbesichtigung zur Fertigung des Klassikers unternehmen.