Um nicht von Zeile Eins abwärts vollständig in nicht identifizierbaren Überschwang zu verfallen, muss dieser Testbericht über den Nissan GT-R 2017 etwas anders ausfallen als sonst. Geordneter. Mit Kapiteln. Und Zwischenüberschriften. Denn ansonsten könnte dieser Wagen auch nur mit einem Wort beschrieben werden – und das wäre ihm nicht würdig.

Ästhetik

Ja, wir geben zu, sie ist nicht unbedingt seine Stärke. Liebhaber italienischer Eleganz oder britischer Zurückhaltung rümpfen bei seinem Anblick sogar ab und an die Nase. Doch so hart darf man mit ihm auch nicht ins Gericht gehen. Man hat im Vergleich zum Vorgänger nachgeschärft, die Linien etwas gestrafft, die LED-Scheinwerfer blicken nun grimmiger drein, die 20-Zoll-Felgen sind allerdings stets schwarz, was ihn noch ein wenig böser macht aber auch weniger elegant. Das Heck wirkt hingegen noch brachialer, subjektiv wurden die Endrohre noch größer, der Flügel dominanter.

Und auch im Innenraum hat sich einiges getan. Die Mittelkonsole ist aufgeräumter, das zentrale Display lässt sich sowohl direkt per Touchscreen, am Gerät oder auch über einen Dreh-Drücksteller in der Mittelkonsole bedienen. Die Verarbeitung der Carbon- und (Kunst-)Lederarbeiten ist mehr als ordentlich, die verwendete Auslegeware an Türpappen und Fußraum sehr hochwertig. Optisch vielleicht nicht unbedingt schön anzusehen ist nach wie vor der Instrumententräger mit seinen durcheinandergewürfelten Anzeigen und dem mittigen Drehzahlmesser, aber darum geht’s dem Nissan GT-R nicht. Zumindest nicht primär. Stattdessen spürst Du schon beim Einsteigen Magie, Kraft, Übersinnliches, Übernatürliches. Am massiven Türgriff macht sich die Konsequenz der Japaner bemerkbar, die in jede Ritze, in jedes Detail an diesem Auto ihr ganzes Können steckten, um aus dem GT-R das zu machen, was er heute ist. Ein Mythos, eine Legende. Viel zu schnell, viel zu gut um wahr zu sein. Der GT-R weckt Emotionen, aber eben erst auf den zweiten Blick.

Dynamik

Das gilt auch und erst recht für den Fahreindruck. Beim Warmfahren – was dank der Gran Turismo-artigen Darstellung in besagtem Display mit Informationen über Getriebeöl, Motoröl und deren Drücke aufs Genauste gelingt – im spritsparenden „Save“-Modus von Getriebe und Motor sowie der Comfort-Stellung des Fahrwerks fährt sich der GT-R wie ein aktueller Daimler. Unaufgeregt, lässig, cool. Bei 50 im sechsten Gang. Vor allem das Getriebe hat durch die umfangreichen Überarbeitungen der Japaner für das neueste Modelljahr spürbar gewonnen. Es schaltet sehr verschliffen und deutlich leiser als noch im ungehobelten Vorgänger. Das Fahrwerk wiederum kann den Kompromiss zwischen Sportlichkeit und ausreichender Federung mehr als ordentlich, wobei wir keinen sehr großen Unterschied in Normal- und Comfort-Stellung feststellen konnten.

Wer dann mittels Fingerschnipsen den sportlichen R-Modus in Getriebe und Fahrwerk switcht und die Drehzahl per Schaltwippe auf über 3.500 Umdrehungen, erlebt den motorischen Wahnsinn, der über den Insassen hereinbricht. Direkt und vollkommen ungefiltert. Die beiden Turbolader sammeln in Bruchteilen einer Sekunde ihre Kräfte und 630 Newtonmeter fallen über vier angetriebene Räder her. Dabei ist es nicht nur die Beschleunigung ansich, die die Eingeweide in Richtung Wirbelsäule drückt. Es ist das Zusammenspiel aus Kraft und einer unfassbaren Traktion, die man in einem Auto auf diese Art und Weise selten erlebt.

Denn: der GT-R liefert einfach ab. Egal in welcher Ausgangslage, solange die Dunlop-Sportreifen eine einigermaßen trockene Straße unterm Profil haben. Der Power kann auch das magnetische Fahrwerk wenig entgegensetzen, sodass sich die Schnauze spürbar gen Himmel hebt, wenn man in unter drei Sekunden auf 100 Km/h knallt. Doch noch viel beeindruckender ist die Perfektion des Antriebsstrangs, wenn es auf die Landstraße geht. Mit einem für 1,8 Tonnen Auto sehr zackigen Einlenkverhalten, das erst bei engen Kehren und hoher Geschwindigkeit in einem kontrollierbaren Untersteuern mündet, geht es in die Kurve. Das typische Spiel mit dem Allrad – langsam rein und umso schneller wieder heraus – der GT-R spielt es wie kein anderer. Wer kurz vor dem Scheitelpunkt voll ans Gas geht, erlebt die Wirkung umso heftiger. Kurz zucken die Hinterräder vor Angst, dann leitet die Lamellenkupplung die Kraft gleichmäßig nach vorne. Ein Katapult ist nichts dagegen.

Alltag

Wer sich diese Fahrweise allzu oft im Jahr zutraut, dürfte schnell mit der Realität konfrontiert werden: denn so sehr der GT-R bei der schnellen Kurvenhatz seine Kilos kaschieren kann und so überzeugend die erreichten Kurvengeschwindigkeiten sind. Etwas muss dem Tribut zollen. So dürften vor allem Reifen und Bremsen neben den Mägen der Mitfahrer als erstes leiden. Nicht zuletzt freut sich der Tankwart: 100 Oktan schreibt Nissan vor und bei sportlicher Gangart flossen gerne 19 Liter des teuren Stöffchens im Durchschnitt durch die Einspritzdüsen. Da lässt man es auch mal ruhiger angehen und wird mit Verbräuchen von immerhin 11 Litern pro 100 Kilometer belohnt. Was den Nissan als ultimativen Daily empfiehlt. Denn die Platzverhältnisse sind für zwei Personen mehr als ordentlich, Kofferraum und Sitzposition vermitteln Großserienkomfort, obwohl der GT-R bei Gott keine Großserie ist.

Fazit

Kompromisse? Vielleicht bei der Ästhetik, doch weder in den Kapiteln Dynamik oder Alltag. Der GT-R ist der perfekte Sportwagen für jeden Tag, er kann alles, was ein 911 turbo auch kann inklusive Allradantrieb – zu einem Einstandspreis, der um ein vielfaches niedriger liegt. Wenn es ein größeres Lob für einen Wagen gibt, man möge es uns mitteilen. Ansonsten würden wir jetzt wieder in Überschwang verfallen.

Galerie
Technische Daten*

Modell: Nissan GT-R
Motor: Sechszylinder-V, Biturbo, 3.799 ccm
Leistung: 570 PS (419 kW) bei 6.800 U/min
Drehmoment: 637 Nm zwischen 3.300 und 5.800 U/min
Antrieb: Allradantrieb, Sechsgang-Doppelkupplungsgetriebe
Verbrauch (ECE): 11,8 l SP100/100 Km
Beschleunigung (0 – 100 Km/h): 2,8 s
Höchstgeschwindigkeit: 315 Km/h
Abmessungen (L/B/H): 4,71 m/1,90 m/1,37 m
Gewicht: 1.827 Kg
Grundpreis: 99.900 Euro
Typklassen (HP/VK/TK): 19/32/30

*Herstellerangaben

Fotos: Felix Maurer für evocars