Man ist regelmäßig versucht, Autohersteller dafür zu schelten, wenn diese bei einem neuen Modell nichts radikal neues tun. Wenn das neue Auto vielleicht eine neue Modellbezeichnung erhält, aber sich unter dem Blech kaum etwas getan hat. Und doch muss man – als Kunde und auch als Vertreter der schreibenden Zunft – differenzieren. Wie soll man denn etwas verbessern, was bereits auf einem so hohen Level der Perfektion angesiedelt ist? Da ist es dann schon ein großes Lob für die Hersteller, wenn diese eben genau die Punkte finden und ändern, die vielleicht beim perfekten Vorgängermodell noch nicht hundertzehnprozentig waren. Ein Beispiel hierfür kann das G-Modell von Mercedes-Benz sein. Oder eben der Multivan von Volkswagen.

Dieser ist in mittlerweile sechster Generation unterwegs und hat seit seiner Präsentation im Jahre 1950 (ja, damals hieß der Bus noch nicht Multivan, sondern eben: Bus) schon einige radikale Veränderungen mitmachen müssen. Von Heck- zu Frontmotor und -antrieb, von Luft- zu Wasserkühlung und vieles mehr hat sich in den vergangenen 67 Jahren einiges getan. Seit dem T5, der 2003 das Licht der Welt erblickte, wurden die Schritte kleiner, der Grad der Perfektion dafür umso höher. 2015 entschied man sich im Rahmen eines großen Facelifts gleich für den direkten Weg zum T6 – was eindrucksvoll zeigt, in welchen Dimensionen die Wolfsburger mittlerweile denken. Dass die paar Änderungen an Front und Heck gleich für eine komplett neue Bezeichnung sorgten, fand vielerorts Raum für Irritationen.

Dabei ist der Bus – sorry, Multivan – mittlerweile auf einem Niveau angelangt, an dem es kaum etwas mehr zu kritisieren gibt. Er hat bedingt durch seine lange Akzeptanz am Markt und in sämtlichen sozialen Schichten einen unheimlich coolen Auftritt. So ein T6 kann auf die Baustelle, vors Luxushotel und vor dem Reihenmittelhaus parken und erweckt alles, aber keinen Neid. Der handfeste und gleichzeitig feine Auftritt außen setzt sich im Inneren fort, besonders, wenn man eines der Sondermodelle (wie hier: Generation Six) oder zumindest eine höhere Ausstattungslinie gewählt hat. Ein vertrautes VW-Interieur mit den gewohnten Analoginstrumenten wechselt sich mit ungeheuer praktischen und unzähligen Ablagemöglichkeiten ab und findet ihren gebührenden Abschluss im mit hochwertiger Auslegeware gekrönten Fahrgastraum samt Drehsesseln, Klapptisch, separater Klimatisierung und Stromanschlüssen. Diese liebevollen und zugleich so durchdachten Details sind das Herzstück des Multivan und zeigen zugleich auf, wie viel Erfahrung in diesem Auto steckt.

Es sind Erfahrungen, die sich auf Fahrer und alle anderen Insassen übertragen. Nicht nur, dass man sie an allen Ecken und Enden spürt, der Multivan kommuniziert mit Dir, ruft und redet Dir gut zu, den Alltag gemeinsam zu meistern und wenn es nötig ist, die automobile Reise über den Ural hinaus ebenso. Er ist ein Alleskönner, macht in unserem Fall dank vollwertigem 4Motion samt zuschaltbarer Differenzialsperre (952 Euro) an der Hinterachse auch vor schneebedeckten Steigungen nicht Halt, kann mit adaptivem Fahrwerk DCC (ab 1.368 Euro, wir finden: verzichtbar) sowohl etwas sportlich als auch komfortabel, der Verbrauch des 150 PS-TDI liegt im Gesamtmix mit viel Kurzstrecke bei 8,5 Litern, was in Ordnung geht für die Größe des Autos. Der Motor reicht für alle Lebenslagen und Ansprüche aus, sodass man in die Versuchung kommt, festzustellen: mehr wäre zwar nett, braucht man aber nicht. Viel wichtiger: die Standheizung (2.267 Euro) wärmt innert zehn Minuten das gesamte Auto, das im Übrigen so individuell zurechtgeschnitten werden kann, dass sich Konfigurationstipps ansich erübrigen. Wer in der überlangen Optionsliste nicht den richtigen Bus für sich findet, ist selbst schuld.

Und konfigurieren sollte man, denn so ein Multivan ist eine Lebensentscheidung. Einer, der sich für nichts zu schade ist und dessen kleine Schönheitsfehler schon beinahe liebenswert sind. Zu denen gehört das skurrile Navi (2.130 Euro), das zwar mit Apple CarPlay aufwartet, aber dafür auch schon im Golf VI gesichtet wurde. Ihr habt so tolle Multimedialösungen auf Lager, Volkswagen, da gehört das auch nicht mehr in einen Klassiker wie den T6. Ebenso sei die elektrische Heckklappe (720 Euro) empfohlen, unter der man zwar auch mit 1,90 Meter stehen kann, die man aber – einmal geöffnet – aufgrund ihrer Größe nur sehr mühsam wieder schließen kann. Einigen Kraftaufwand erfordert auch der Aus- und Umbau der Sitzanlage, wobei man das ja schließlich nicht jeden Tag macht.

Fazit
Wir schrieben, er sei eine Lebensentscheidung. Eine, die jeder tätigen sollte, die aber vielen verwehrt bleiben dürfte. Denn günstig ist das nicht, was Volkswagen da auf vier Räder gestellt hat. Der Multivan Generation Six startet bei mindestens 47.200 Euro mit dem kleinsten Benziner (2.0 TSI, 150 PS, Trendline zum Vergleich: 36.900), unser Proband als 2.0 TDI mit Allrad, DSG und viel Ausstattung lag dann schon bei deutlich über 60.000 Euro. Nicht günstig, wir sagten es bereits. Aber jeden Cent wert. Wer sich traut, sich in den Konfiguratordschungel zu begeben, dem empfehlen wir tatsächlich eines der Sondermodelle, da diese bereits die großen Motoren mit einigermaßen viel Serienausstattung zu einem guten Preis kombinieren. Ob man dann noch weitere Gimmicks braucht, sei dahingestellt, viel wesentlicher ist die Erkenntnis: man braucht einen Multivan.

Technische Daten*

Modell: Volkswagen Multivan Generation Six TDI
Motor: Vierzylinder-Reihe, 1.968 ccm
Leistung: 150 PS (110 kW) zwischen 3.250 und 3.750 U/min
Drehmoment: 340 Nm zwischen 1.500 bis 3.000 U/min
Antrieb: Allradantrieb, Siebengang-Doppelkupplungsgetriebe
Verbrauch (ECE): 6,4 l D 100/100 Km
Beschleunigung (0 – 100 Km/h): 13,0 s
Höchstgeschwindigkeit: 178 Km/h
Abmessungen (L/B/H): 4,90 m/1,90 m/1,99 m
Gewicht: 2.445 Kg
Grundpreis: 56.364 Euro
Typklassen (HP/VK/TK): 18/21/21

*Herstellerangaben

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