Einfach mal kurz am Wochenende nach St. Peter Ording, Sylt oder an den Gardasee fahren – ohne buchen, ohne lange zu planen. Einfach losfahren, die Arbeit hinter sich lassen und einen Kurzurlaub machen. Wer sich einen Camper-Van kauft, der will genau das. Und der neue Mercedes Marco Polo verspricht genau das. In der Woche nutzbar wie ein normaler Van (mit 5,14 Meter allerdings ein recht großer), mutiert er mit seinem Aufstelldach, den vier Schlafplätzen und der Küche mit Herd, Kühlschrank und Schüle zum Fluchthelfer aus dem Alltag. Soweit die Theorie. Wir haben den wahrlich schicken, schnellen aber leider auch recht teuren Sternen-Camper im Alltag und an einem Wochenende auf die Probe gestellt.

Beginnen wir bei den Basics des mindestens 57.239 Euro teuren Campers, der aus unserer Sicht zum ersten Mal in der Mercedes-Geschichte eine echte Alternative zum VW California darstellt – so viel sei schon mal verraten:

Angetrieben wird unser Testwagen von einem 2,1-Liter-Turbodiesel, der an eine Siebengang-Automatik gekoppelt ist. Der Vierzylinder leistet 190 PS und 440 Nm Drehmoment,  per „Overtorque-Technologie“ liegen kurzfristig sogar 204 PS und 480 Nm an. Den Topspeed gibt Mercedes mit 205 km/h an. Lange, schnelle Autobahnetappen auf dem Weg zum Wochenend-Ziel sind also überhaupt kein Problem. Dabei hält sich der Diesel akustisch ordentlich zurück und Windgeräusche sind auch kein Thema. Die drehbaren Piloten-Sitze sind überaus bequem und selbst das manuell „festgeklemmte“ Aufstelldach tut keinen Mucks. Und wer seinen Gaßfuß zügelt, dürfte bei einem Real-Verbrauch von etwas mehr als 9,0 Litern eine ordentliche Reichweite schaffen.

Aus 2,1 Litern Hubraum schüttelt der Diesel stramme 190 PS, die den Dicken bis auf über 200 km/h bringen.

Am Ziel angekommen punktet der Mercedes Marco Polo mit ganz anderen Werten. Zum Beispiel mit dem manuell oder elektrisch ausfahrbaren Aufstelldach, das dem Van tagsüber Stehhöhe im „Wohnbereich“ und ein 2,05 x 1,13 Meter großes Bett bei Nacht beschert. Und lasst euch eins gesagt sein: Es schläft sich wirklich prima in diesem Bettchen. Die Mattratze ist ausreichend dick, die „punktelastischen Federelemente“ machen einen guten Job und zwei Leselampen sind auch gleich mit dabei. Damit zu kleine Kinder nachts oder beim Spielen nicht rausfallen, liefert Mercedes gleich noch ein leicht zu montierendes und ausreichend hohes Netz mit.

Bett in der ersten Etage. Es misst 2,05 x 1,13 Meter und ist überaus bequem. Bei Sturm und Regen wird es allerdings etwas ungemütlich.

Doch auch Kritik muss erlaubt sein. Zum einen ist es etwas mühsam, über Fahrer- oder Beifahrersitz die erste Etage zu erklimmen und zum anderen braucht man bei höheren Windgeschwindigkeiten starke Nerven, da der rundum montierte Stoff einen ziemlichen Krach veranstaltet. Wenn zudem noch der Regen von der Seite drückt, sind Matratze, Kopfkissen, Decke und schlafender Passagier nicht lange sicher. Vom Zelt ist man so etwas gewohnt, aber von einem „Camper“?

Fast genau so groß wie das Bett in der ersten Etage ist das aus Rückbank und Bett-Verlängerung bestehende Derivat im Erdgeschoss. Auf 2,03 x 1,13 Meter finden auch zwei Erwachsene genug Platz und dank der optional erhältlichen Auflage ist von den Unebenheiten der Sitzbank-Unterlage fast nichts mehr zu spüren (Allerdings ist dieses Urteil subjektiv. Empfindliche Rücken können sich hier möglicherweise nicht optimal entspannen.). Nachteil dieses Schlafabteils: Ist das Bett ausgezogen, lässt sich keine einzige der Küchenschubladen mehr öffnen. Wer jetzt vergessen hat Chips, Schoki oder Rotwein zurechtzulegen, der muss eine Runde hantieren, um das Gewünschte zu bekommen. Ebenfalls etwas kompliziert ist die Ablage der Klamotten. Wenn vier Personen sich zur Nacht umgezogen haben, sehen die Vordersitze als einzige Ablagemöglichkeit recht chaotisch aus.

Hier die Schlafstatt im Erdgeschoss. Sie ist nahezu genau so groß wie oben, jedoch trotz Bettauflage nur bedingt für empfindliche Rücken geeignet.

Womit wir beim Thema Staumöglichkeit wären. Neben dem Platz unter der Sitzbank, dem Hängeschränkchen im Heck und dem Fach oberhalb der Gasbuddel bleiben nur die paar Zentimeter unterhalb der Bettverlängerung im Heck (Hier sind Camping-Tisch und –Stühle verstaut. Alles in allem nicht eben viel Platz, doch für zwei Personen mit südlichem Ziel oder vier Personen und einem sehr kurzem Aufenthalt dürfte es langen. Unbenommen vom bauartlich bedingt mäßigem Platzangebot hat uns vor allem die Optik des Innenraums extrem gut gefallen. Das Cockpit liegt auf gehobenem PKW-Niveau und auch im Wohnbereich fühlt man sich sofort zuhause. Es dominiert moderne Eleganz.

Der „Holzfußboden“ ist aus PVC und damit schmutzunempfindlich. Die Sitzbank lässt sich manuell verschieben.

Und was gibt’s noch zu sagen? Ach ja: Nach einem heißen Sommertag kann man sich mit der Außendusche trefflich abkühlen, die leicht auszurollende Markise ist tüchtig groß und sorgt für jede Menge Schatten, der 16 Liter fassende Kühlschrank kühlt ohne Nebengeräusche beachtlich tief herunter und der externe Stromanschluss sorgt dafür, dass die Geräte auf dem Zeltplatz nicht die Batterie aussaugen.

Unter der Bettverlängerung finden Camping-Tisch und -Stühle Platz – mehr allerdings auch nicht mehr.

Fazit:  Der Mercedes Marco Polo ist ein überaus feiner Camping-Van, der beim Versuch, die Eierlegende-Wollmilchsau zu mimen, allerdings zwangsläufig Federn lassen muss. Sicher, man kann mit ihm den Alltag meistern und am Wochenende zum Kurztrip aufbrechen (zu weit sicherlich auch ein paar Wochen). Jeden Tag mit einem 2,4-Tonnen-Gefährt unterwegs zu sein, muss man allerdings wollen und wer zu viert mit dem Marco Polo auf große Tour gehen möchte, der sollte sich warme Regionen aussuchen, denn nach spätestens fünf Tagen Regen tritt man sich nicht nur derbe auf die Füße, man dürfte auch schwerlich Platz zum aufhängen der nassen Klamotten finden. Aber hey: Allein das Gefühl, auf dem Weg zur Arbeit sagen zu können „Ich könnte jetzt einfach auf die Autobahn abbiegen und halte erst wieder an, wenn ich am Meer bin“ rechtfertigt schon den Kauf eines Marco Polo und dürfte so manchem Kunden jeden Tag ein Grinsen ins Gesicht zaubern.

Der „Holzfußboden“ ist aus PVC und damit schmutzunempfindlich. Die Sitzbank lässt sich manuell verschieben.

Bett in der ersten Etage. Es misst 2,05 x 1,13 Meter und ist überaus bequem. Bei Sturm und Regen wird es allerdings etwas ungemütlich.

Unten links hinter der Klappe befindet sich die 5 KG-Gasflasche, die vor jeder Fahrt zugedreht werden muss. Der Zugang findet über die helle Klappe darüber statt. Womit dieses Fach nicht als Stauraum genutzt werden kann.

Die beiden Kopfstützen müssen zum Bettbau demontiert werden und finden ihren Platz auf der Rückseite der Sitzlehne.

Leselampe im oberen „Schlafbereich“.

Hier die Schlafstatt im Erdgeschoss. Sie ist nahezu genau so groß wie oben, jedoch trotz Bettauflage nur bedingt für empfindliche Rücken geeignet.

Heckklappe aufmachen, Duschbeutel mit Wasser füllen, an die offene Heckklappe hängen und losgeht’s. Doch nicht vergessen:

Auch wenn bei kräftigen Böen in der ersten Etage etwas Muffensausen bekommen kann, eh dieses massiven Scharniere nachgeben, muss schon einiges passieren.

Unter der Bettverlängerung finden Camping-Tisch und -Stühle Platz – mehr allerdings auch nicht mehr.

Einfüllstutzen fürs Frischwasser und Anschluss 230 Volt. Das entlastet die Board-Batterie.

Verdunklungsrollos finden sich an allen Fenstern (hier am Heck). Nur fürs Cockpit wird’s etwas komplizierter.

Unter der Bank findet sich Platz für allerlei Zeugs – unter anderem für den Schlauch zum Befüllen des Wassertanks.

Aus 2,1 Litern Hubraum schüttel der Diesel stramme 190 PS, die den Dicken bis auf über 200 km/h bringen.

 

2 Responses

  1. Ruedi Ratlos

    Das perfekte Auto für alles. Einzig die Plastikverkleidungen sind im VW California von grösserer Wertigkeit. Dafür sind sie im Marco Polo schöner. Ich habe beide intensiv getestet und mich für den Marco Polo entschieden. Das würde ich auch heute noch machen. Ich fahre den Marco Polo schon sei 3 Jahren.

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    • Jan [evocars]

      Moin Ruedi,
      vielen Dank für deinen Kommentar. Was hat dich denn schlussendlich dazu bewegt, den Mercedes und nicht den VW zu nehmen? Und wie stehst du zu diesem „VW Bus-Kult“?

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