Wien, Ostermontag um 7:15 Uhr: ein warmer Frühlingstag steht uns bevor, der Himmel blau, die Sonne kurz vorm Aufgehen. Erste Lichtstrahlen erleuchten bereits die Hofburg, auf den Straßen um die Staatsoper nur wenig Betrieb. Ideale Bedingungen also um mit unserem Cadillac ATS-V die Kulturmetropole an der Donau zu erkunden und ein paar Fotos zu machen. Wir rücken den amerikanischen Sportwagen ins rechte Licht, parken von einer Seite zur anderen. Die wenigen Frühaufsteher blicken erstaunt auf den weißen Cadillac, die örtliche Polizei fährt Kreise und mustert Fahrer nebst Auto ohne anzuhalten.

Müssten wir den ATS-V mit einem Wort beschreiben – polarisierend würde es wohl ganz gut treffen. Seine messerscharfen Linien, die vier faustdicken Endrohre und die optionalen Carbon-Applikationen rund herum verkünden mehr als deutlich, dass hier Motorsport betrieben wird. Die Gegner sind schnell ausgemacht: BMW M3, Lexus GS F und Mercedes-AMG C 63 stehen auf der Duellliste. Im morgendlichen Wien freilich fahren wir nur ein Duell gegen uns und unser Verlangen endlich den ersten Kaffee zu trinken. Aber gemach, wir brauchen noch ein paar Bilder ohne Verkehr und ohne Stress.

Im Kaffeehaus eingekehrt, das Continental-Frühstück samt lang ersehnter Wiener Melange vor uns platziert bleibt Zeit über die Daten und Fakten des ATS-V nachzudenken. In gut 3,9 Sekunden sprintet der Amerikaner auf Tempo 100. Die Puste geht ihm erst jenseits der 300 Kilometer pro Stunde aus und auch sonst lesen sich 470 PS in Verbindung mit 603 Newtonmeter Drehmoment mehr als ordentlich. Auf dem Weg von Deutschland in die Donaumetropole konnten wir die Sprintgewalt des Cadillac ATS-V bereits mehr als einmal auskosten – die Leistungsentfaltung lässt auf jeden Fall wesentlich mehr Power erahnen. Passend hierzu: ein knackiges Fahrwerk, das dennoch über eine gehörige Portion Restkomfort verfügt.

Natürlich hat der kleine Bruder des CTS-V nur wenig von dessen Brutalität – ein 6,2-Liter V8-Kompressor bleibt eben ein 6,2-Liter V8-Kompressor. Doch der 3,6-Liter TwinTurbo-V6, dessen Einführung übrigens eine Premiere für die Amerikaner darstellte, braucht sich in keinster Weise zu verstecken. Nicht im eigenen Hause und vor allem nicht vor der Konkurrenz aus Deutschland und Japan. Nur wenn es um den Spritverbrauch geht, scheint sich der Cadillac ein wenig mehr zu nehmen als wir das üblicherweise gewohnt sind. Fühlt man dem ATS-V ordentlich auf den Zahn fließen schnell mehr als 18 Liter durch die Einspritzdüsen.

In Österreich samt Tempolimit 130 sind aber auch Verbräuche um die neun Liter realistisch. Um den Kombifahrer in seinem 3,0-Liter-Diesel längerfristig zu ärgern fehlt es allerdings an Tankvolumen. Mit nur 63 Litern stehen wir des Öfteren auf dem Rastplatz und können nachvollziehen wie sich ein Tesla Pilot auf langer Strecke fühlen muss. Doch trotz der vergleichsweise überschaubaren Reichweite – der Cadillac ATS-V ist ein Kilometerfresser. Die hervorragenden Sportsitze bieten ausreichend Platz (auch für Großgewachsene), die Bose-Soundanlage ist ein Traum und generell hat uns wenig gefehlt auf den rund 700 Kilometern zwischen Frankfurt und Wien.

Ein Punkt den wir häufig bei aktuellen Cadillac-Modellen bemängeln ist das achtstufige Hydra-Matic-Getriebe. Ja, auch bei diesem Test ist es nicht der Weisheit letzter Schluss. Gerade wer von einem flotten ZF-Wandler auf die Hydra-Matic wechselt wird sich der häufigen Gedenksekunden bewusst werden. Manuelle Schalteingriffe setzt der Wandler hingegen willig um und der beispielhafte Wechsel von M8 in M5 klappt so zackig, dass wir beinahe verstehen warum man bei Cadillac auf eine Sport-Gasse verzichtet hat. Entweder du fährst träge in D oder du bemühst deine müden Knochen und jagst den ATS-V per Fingerzug bis zum Drehzahlbegrenzer – der übrigens nicht digital übersprungen wird.

Im Wiener Stadtverkehr kommt dem Cadillac ATS-V zugute, dass er im so genannten Tour-Modus über eine relativ leichtgängige Lenkung verfügt. Sie ist gut um in verwinkelten Parkhäusern zu rangieren oder um enge Sträßchen zu meisten. Auf der Autobahn ist sie uns hingegen eine Spur zu direkt, es fehlt ihr generell ein wenig Rückmeldung und der Wagen wirkt insgesamt sehr schnell nervös. Umgehen kann man dies, indem man im Untermenü der CUE-Bedienheinheit die Lenkung auf Sport oder Rennsport einstellt. Zwar wird die Lenkung hierdurch einfach nur schwergängiger, gerade bei höheren Geschwindigkeiten empfinden wir dieses Setup allerdings als weitaus angenehmer.

Zum Schluss verlieren wir noch ein paar Wörter über die Bedienung der Cadillac User Experience (CUE). Kurzum: sie gefällt immer mehr – was wohl auch daran liegen mag, dass wir uns nach dem x-ten Cadillac an das System gewöhnt haben. Die Spracheingabe funktioniert recht passabel, die Kopplung mit der Head-Up-Unit ist bei den Amerikanern seit je her eine Klasse für sich und selbst die Bedienung des hochglänzenden Interface gestaltet sich ohne große Hürden. Einzig die optische Darstellung der Menüs und der Straßenkarte ist nicht mehr Stand der Technik – das System ist aber mittlerweile auch einige Jahre auf dem Markt.

Fazit

Mit dem Cadillac ATS-V nach Wien zu fahren war aufschlussreich. Vor allem dahingehend, dass die amerikanische Sportlimousine weiterhin von vielen unterschätzt wird und beinahe auf keiner Wunschliste potentieller Käufer in Europa auftaucht. Am Prestige, der Verarbeitung oder der Power kann es nicht liegen, dass Cadillac auch weiterhin nur Absätze in homöopathischen Größenordnungen zu verzeichnen hat. Wir glauben eher, dass es an der fehlenden Bekanntheit liegt und an der Tatsache, dass man einen Cadillac früher in die falsche Schublade gesteckt hat. Der ATS-V ist ein Geheimtipp unter den Sportlimousinen, weitaus seltener als ein Ferrari und geht vorwärts wie eine Bodenbodenrakete. Die Neuentwicklung des 3,6-Liter TwinTurbo-V6 war eine richtige Entscheidung seitens der Amerikaner, die noch richtiger wird, erscheint Ende dieses Jahres erst der CT6 V-Sport mit dem neuentwickelten 4,2-Liter TwinTurbo-V8.

Technische Daten*

Modell: Cadillac ATS-V Limousine
Motor: Sechszylinder-V, 3.564 ccm
Leistung: 470 PS (346 kW) bei 5.850 U/min
Drehmoment: 603 Nm bei 3.500 U/min
Antrieb: Hinterradantrieb, Achtgang-Automatikgetriebe
Verbrauch (ECE): 11,6 l Super Plus/100 Km
Beschleunigung (0 – 100 Km/h): 3,9 s
Höchstgeschwindigkeit: 304 Km/h
Abmessungen (L/B/H): 4,64 m/1,81 m/1,42 m
Gewicht: 1.770 Kg
Grundpreis: 69.900 Euro
Typklassen (HP/VK/TK): 21/31/30

*Herstellerangaben

Fotos: Thomas Vogelhuber und Lydia Sölva für evocars