Der kleine Grundschüler, der gerade auf dem Weg nach Hause ist, schaut verstohlen auf den suzukagrauen Audi, der durch das kleine Dorf am Rande von Neckarsulm gefahren und an der Fußgängerampel zum Stehen kommt. Ob er das RS-Emblem im schwarz lackierten Wabenkühlergrill erkannt hat? Als im Vier-Ringe-Einzugsgebiet lebender sollte er zumindest wissen, was es bedeutet.

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RS – seit beinahe 20 Jahren schmückt es die ganz schnellen Audis. 1994 wurde es zum ersten Mal von der quattro GmbH an einen Audi 80 Avant geheftet. In Kooperation mit Porsche entstand ein 315 PS starker, turbobefeuerter Sportkombi mit Platz für fünf Personen, dem bei Bedarf erst bei 262 km/h die Puste ausging. Bis dahin hatte der RS2 jedoch so ziemlich alles hinter sich gelassen, was sich auf den Straßen üblicherweise fortbewegte. Seine Nachfolger, RS4 Avant (2001) und RS6 (2003), führten die Tradition eines zwar in puncto Platzangebot kompromissbereiten, in Sachen Technik und Komfort jedoch kompromisslos auf Sportlichkeit getrimmten Audis erfolgreich fort. Die Motoren hatten kräftigen Turbobumms, die Fahrwerke waren trocken, hart und ehrlich. Die Autobahn war ihr bevorzugtes Einsatzgebiet. Sie erfüllten den Traum des Familienvaters, der auch auf der Urlaubsreise nicht auf Leistung verzichten wollte. Seither sind einige Jahre ins Land gezogen und diverse RS-Modelle fanden ihren Weg zum Händler – nun also auch der neue RS7. Doch kann die starke Coupe-Limousine an den RS-Mythos anknüpfen? Wir gehen der Sache bei einer ersten Ausfahrt im 560 PS starken Nobel-Hobel auf den Grund.

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Die Basis bildet das viertürige „Coupé“ A7 und es spielt in einer Liga von schön anzusehenden, jedoch spätestens bei der Mitnahme von mehr als zwei Personen und Gepäck unpraktischen Autos. Die Konkurrenz kommt hauptsächlich aus dem deutschen Lager; Mercedes und BMW sind hier ganz klar die Haupt-Konkurrenten. Mit dem CLS 63 AMG und dem M6 Gran Coupé sind sie leistungsmäßig auf Augenhöhe mit dem RS7, der den aus dem RS6 Avant bekannten 4,0-Liter V8-Biturbo mit 560 PS und 700 Nm Drehmoment unter der Haube hat. Wobei der V8 dank „cylinder-on-demand“ nur noch selten auf allen acht Zylindern läuft. Für leichte bis mittlere Gaspedalstellungen sind vier Brennräume abgeschaltet. Außerdem gibt es das von ZF entwickelte Achtgangautomatikgetriebe sowie – wer hätte das gedacht – quattro-Antrieb mit selbstsperrendem Mittendifferential, das die Antriebskraft variabel verteilen kann. Bis zu 85 Prozent auf der Hinterachse sind möglich. Die Traktion ist, soviel sei vorweggenommen, schlicht perfekt.

Von außen spielt der RS7 Sportback die Tonleiter von tief, dunkel und böse bis hin zu sportlich und edel. Je nach Ausstattungspaket sind die Lufteinlässe vorne schwarz oder in Titanoptik, mit dem Carbonpaket für 4500 Euro gibt es neben Carbonspiegeln auch noch den quattro-Schriftzug über dem Frontspoiler (den gibt es alternativ auch mit dem Aluminiumpaket für 800 Euro). Geschmacksache sind die mit 2000 Euro aufpreispflichtigen Bicolor-Fünfspeichen-Felgen. Die armdicken, in den hinteren Stoßfänger eingearbeiteten Auspuffblenden geben dem RS die Brutalität, die ein 560 PS-Auto auch schonmal haben darf.

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Weniger Brutal kommt das Cockpit daher. Hier erwarten uns keine Überraschungen. Der Testwagen ist mit allem ausgestattet, was in der Aufpreisliste gut aussieht und teuer ist. Side-Assist, Lane-Assist, farbiges Head-Up-Display, Vorwärts- und Rückfahrkamera. Und ein (serienmäßiger) Startknopf. Na endlich! Der Achtzylinder grollt kurz auf, dann verfällt er phlegmatisch in den Vierzylindermodus und säuselt nur verschämt vor sich hin.

Es geht in Richtung Autobahn – Vollgas ist angesagt. Und da reißt’s Dir vor lauter 700 Newtonmetern, zwei Turbos und quattro den Kopf fast vom Hals. Die Automatik haut innerhalb von wenigen Millisekunden den kleinsten passenden Gang rein, bisher nicht gebrauchte Zylinder sind blitzschnell zur Stelle und ein Ruck geht durch die gesamte Zweitonnen-Fuhre wenn die radselektive Momentensteuerung jedem Rad einen Teil der fast unermesslich scheinenden Leistung zugesteht. Eine Geräuschwolke von Turboansaugung und V8-Röhren geht durch den Innenraum, während in 3,9 Sekunden aus dem Stand 100 km/h erreicht sind. Wer für das Dynamikpaket plus 11.400 Euro zusätzlich zum Grundpreis von 113.000 Euro investiert, erlebt den Längsbeschleunigungsspaß bis hin zu abgeregelten 305 km/h. Wer auf die Keramikbremse und auf 25 km/h verzichten kann, wählt das Dynamikpaket für 3500 Euro mit 280 km/h Topspeed. Alle anderen schauen bei 250 in die Röhre, wenn der weiter vorwärts schiebende Achtzylinder schonungslos in den elektronischen Begrenzer läuft.

Sollten die äußeren Verhältnisse derartige Geschwindigkeiten nicht zulassen, kann der RS durchaus auch zahm. Die Drehzahl pendelt sich dank des lang übersetzten achten Ganges bei unter 2000 U/min ein, vier Zylinder schalten sich beinahe unmerklich ab und der RS schnurrt mit durchaus komfortablen Federungsverhalten und akzeptablem Verbrauch durch die Lande. Wird die Leistung im Mix jedoch nur ansatzweise gefordert, ist man von den angegebenen 9,8 Liter auf 100 km so weit entfernt wie vom sprichwörtlichen Mond. Zwischen 14 und 15 Liter stehen mindestens auf dem großen Display des Bordcomputers.

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Die nächste Autobahnabfahrt auf die Landstraße offenbart das wahre Gesicht des RS7. Schon die digitale Reaktion auf jeden Gasbefehl von Motor und Getriebe hätte für uns das erste Indiz sein müssen. Die Dynamiklenkung (in beiden Dynamikpaketen enthalten) reagiert direkt und wird mit zunehmendem Tempo schwergängiger. Sie erinnert an eine Playstation. Jeder Lenkbefehl wird – egal bei welcher Geschwindigkeit – sofort umgesetzt. Kurven können schneller angefahren werden, als man es je für möglich gehalten hätte. Der Grenzbereich wird außer am Drehzahlmesser auf öffentlichen Straßen nie erreicht. Die Automatik erledigt die Schaltvorgänge optimal und falls doch mal der Notanker geworfen werden muss, ist die Keramikbremse zur Stelle. Der Spaß am Landstraßenfahren allerdings – beschleunigen, schalten, bremsen, beschleunigen –  geht verloren. Man ist eh immer viel zu schnell.

Das Problem des RS7 ist sein übertriebener Hang zur Perfektion. Auf der Autobahn bietet er eine Mordsgaudi und auf der Landstraße ist er zu langweilig, weil er dank Assistenzsystemen und intelligenter Antriebstechnik den Fahrer eigentlich überhaupt nicht mehr fordert. Und als Landstraßenfahrer willst Du den Knüppel durch die Gasse führen, Du willst Schlupf an den Rädern und Du willst die Bremse richtig dosieren müssen, nicht nur drauftippen.

Technische Daten*
Modell: Audi RS7 Sportback
Motor: V8, Twinturbo, 3993 ccm
Leistung: 412 kW / 560 PS bei 5700-6600 U/min
Drehmoment: 700 Nm bei 1750-5500 U/min
Antrieb: Allrad, Achtgang-Automatik
Gewicht: 1995 Kg
Abmessungen (LxBxH): 5,01 x 1,91 x 1,42
Verbrauch: 9,8 Liter/100 Km Super Benzin
0-100km/h: 3,9 Sek.
Vmax: 250 km/h abg. (opt. 280 oder 305 km/h)
Preis: ab 113.000 Euro

Fazit von evocars-Redakteur Maximlian Planker: Audi knüpft mit dem RS7 also nicht an den alten RS-Mythos des rauen und manchmal etwas ungehobelten Familienrenners an. Vielmehr wird die Evolution des Perfekten, die bereits die meisten Autos der heutigen Zeit einholte, weitergeführt. Für PS-verwöhnte Gentlemen, denen der S6 einfach zu schwach ist und immer noch zu viel Vertreter-Image anhaftet, die aber um Gottes Willen keinen Kombi (RS6 Avant) fahren wollen, bleibt beim Wunsch nach einem Gran Tourismo aus dem Hause Audi eigentlich nur der Griff zum RS7.

Ach ja: Dem Grundschüler, der inzwischen auf der anderen Straßenseite angekommen ist, ist das egal. Er schaut dem gerade wieder mit vier Zylindern umhersäuselnden RS7 noch hinterher, bis er um die nächste Kurve verschwunden ist.

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