Wir hatten ja schon so leichte Bedenken, ob BMW nicht doch noch in buchstäblich letzter Sekunde von dem Plan „M760“ abgerückt wäre. Denn nach der etwas großspurigen Ankündigung eines Top-Topmodells mit M-Badge, 6,6 Litern Hubraum und „über 600 PS“ folgte eine fast einjährige Informationspause. Da musste der auch nicht unbedingt untermotorisierte 750 (hier bei uns im Kurztest) als stärkster Siebener herhalten, doch jetzt gibt es ganz offiziell wieder eine Luxuslimousine mit zwölf Zylindern aus München. Und was für eine!

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Es ist tatsächlich ein BMW der Superlative. Der stärkste, der luxuriöseste, der unbestritten sportlichste und – mal abgesehen vom E38 L7 – auch der größte Siebener, der das Werk je verlassen hat. Der mächtige V12, den man auch von der Konzerntochter Rolls-Royce mit einigen Abwandlungen kennt, trägt gehörig zu dem Eindruck bei, dass man es in München nun nicht mehr dem Zufall überlassen will, die Konkurrenz in allen Belangen zu überflügeln. Zumindest innerhalb Bayerns gelingt das mühelos, denn wer bei Audi zwölf Zylinder fahren will, muss den A8 W12 hernehmen. Der hat dann allerdings ein Leistungsdefizit von deutlich über 100 PS und ist damit schon automatisch raus. Einzig der S8 plus mit seinem aufgepumpten 605 PS-V8 kommt da noch ran, aber wir bleiben dabei: V12 ist und bleibt V12.

Gegen Stuttgart muss sich München jedoch ausnahmsweise – Kenner des jahrelangen Kampfes um die Krone der Luxuslimos werden jetzt müde lächeln – geschlagen geben. Trotz seines Hubraums von „nur“ sechs Litern leistet der AMG S65 mit 630 PS und 1.000 Newtonmetern stammtischwirksam mehr als der BMW: 610 PS liegen bei 5.500 Umdrehungen und 800 Newtonmeter bei knapp über Leerlaufdrehzahl an. Dank (hinterachsbetontem) xDrive-Allradantrieb und der Achtgang-Steptronic gelingt der Sprint zum Vorstandsbüro in nur 3,7 Sekunden – der Kollege mit dem S65 kommt 0,3 Sekunden langsamer auf die 100 Km/h – Marke. Abgeregelt wird im BMW erst bei Höchsttempo 305 (mit M-Drivers-Package).

Gleichzeitig soll der M760 wie kein anderer Siebener vor ihm Sportlichkeit und Luxus miteinander vereinen. Was wir nicht so ganz verstehen, weil kein Mensch, der halbwegs bei Verstand ist, eine Luxuslimousine mit langem Radstand und allen möglichen Annehmlichkeiten kauft, um damit auf der Jagd nach wildgewordenen Corsa A über die Nordschleife zu ballern. Um diesen Anspruch dennoch zu bekräftigen, verbaut BMW serienmäßig das „move over, poor person“ M-Paket mit großen, tief heruntergezogenen Schürzen und fetten Felgen samt „Performancebereifung“ in 20-Zoll. Wer mehr Wert auf einen distinguierten Auftritt legt, kann die Schürzen jedoch über die Option „Excellence“ abmontieren lassen und erhält die Serienschürze mit ein paar wenigen Chromakzenten. Außerdem soll die Abgasanlage weniger „auffällig“ tönen. Danke, schon besser, BMW.

Bleiben die inneren Werte und da lässt sich München nicht lumpen, was in der Klasse jedoch auch erwartet wird: neben der aktiven Integral-Hinterradlenkung, die bei niedrigen Geschwindigkeiten die Hinterräder bis zu einem gewissen Grad gegenläufig zur Vorderachse anstellt und bei höheren Geschwindigkeiten in die gleiche Richtung steuert und damit Handlichkeit und Fahrstabilität verbessern soll, verfügt der M760 standardmäßig über Luftfederung samt Wankstabilisierung und das Fahrwerkssystem „Executive Drive Pro“, das das Fahrwerk bereits vorausschauend über die Navigationsdaten und über eine Stereokamera hinter der Frontscheibe an die jeweiligen Straßenverhältnisse anpasst. Für ordentliche Verzögerung soll die 19 Zoll große Sportbremse sorgen.

Im Innenraum gibt sich der M760 ebenfalls alle Mühe, den Fahrer von seiner neu gewonnenen Sportlichkeit zu überzeugen. Tacho bis 330 (Excellence: 260), Dreispeichen-M-Sportlenkrad (Excellence: mit Holzintarsien), „sportliche“ Alupedalerie und einige V12-Signets sind ebenso serienmäßig wie vielfach verstellbare Komfortsitze und die Volllederausstattung in Nappaleder. Wer sich den M760 nun gut in der heimischen Doppelgarage vorstellen kann, sollte die Brieftasche schonmal füllen: mindestens 166.900 Euro kostet das M-Performance Modell, wer das „Excellence“-Paket haben will, muss allerdings auf die Sport-Automatik (Schaltwippen, „sportliche“ Getriebesteuerung, Launch Control) verzichten.

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