Da steht er also vor uns, der dicke Bayer. Im ersten Moment wirkt er irgendwie wie ein übrig gebliebener Oktoberfest-Tourist. Augenringe, aufgedunsene Nieren und ein schwulstiges Hinterteil zeugen von einer oder eher vielen harten Nächten mit reichlich Gerstensaft. Wie sonst ist es zu erklären, dass der intern als G11/G12 bezeichnete 7er solch unglückliche Proportionen aufweist? Natürlich, an die provokanten Linien eines E65 „Bangles“ reicht der G11 nicht heran – BMW hat schließlich aus der vernichtenden Schmähkritik gelernt. Dennoch ist es für uns kaum nachvollziehbar, wieso man nicht am sehr erfolgreichen Design des Vorgängers F01 festgehalten hat und auf Biegen und Brechen eine neue Designlinie „erfinden“ musste, die sich jetzt auch auf die kommende 5er- und 3er-Reihe auswirken wird respektive schon ausgewirkt hat.

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Zierleisten im Hockey-Schläger-Design und deplatzierte LED Nebelleuchten machen das Bild nicht besser. Aber wie so oft: Über Geschmack lässt sich bekanntlich streiten. Also schnell hinein in die gute Stube und Platz genommen im neuen Flaggschiff aus München. Wir ziehen die große Fahrertür zu uns heran, lassen sie durch den Soft-Close-Diener verriegeln und atmen erst einmal tief den Neuwagenduft ein. Stille. Kurz wollen wir den neuen 7er auf uns wirken lassen. Ja, es fühlt sich noch nach BMW an. Alles ist da wo man es erwartet. Die fahrerorientierte Ergonomie und die Bedienlogik sind bestens bekannt. Damit kann man erst mal arbeiten.

Auf holpriger Fahrt im großen Beamer

So starten wir den großen Autowagen und rollen gemächlich auf die Straße. Hatte BMW nicht verkündet, es gäbe ein neues Fahrwerk? Eines, das auch wirklich federn kann? Wir probieren es aus. „Erlebnisschalter“ auf Comfort Plus gestellt und mit der Fuhre ein paar der (Achtung, Ironie) sehr guten Straßen der Frankfurter Innenstadt besucht – quasi der natürliche Lebensraum dieser Art Limousine. Und der „Erlebnis“-Schalter hat nicht zu viel versprochen. Wir erleben einen 7er, der nach wie vor zu hart abgestimmt ist. Gullideckel, Kopfsteinpflaster und schlecht asphaltierte Wege werden mit harten Stößen quittiert. Zu undiszipliniert lässt er sich von Querrillen aus dem Konzept bringen. Das will man bei einer Chauffeur-Limousine, die ein 750Li nunmal ist, nicht spüren – sonst fällt dem Vorstand, der hinten rechts im Auto sitzt, vor Schreck noch der Starbucks-Kaffee auf den Apple-Computer. Welch ein Drama das wäre. Aber mit Sicherheit wäre es das Ende der Fahrer-Karriere.

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Er sieht also etwas komisch aus und kann in Innenstädten nicht gut federn. Das können andere auch nicht. Aber was kann er denn nun, der neue 7er BMW? Vor allem kann er den selbstfahrenden Manager glücklich machen. Denn auch der neue G11 bleibt der Linie seiner Vorgänger treu und vermittelt vor allem „Freude am Fahren“. Schnelle Landstraßenpassagen nimmt die große Limousine ohne Murren. Lenkbefehle werden willig umgesetzt, der Wagen liegt satt auf der Straße. Gewicht und Abmessungen reduzieren sich gefühlt auf 3er Niveau – ohne aber auf den enormen Restkomfort und die stattlichen Innenraumabmessungen verzichten zu müssen.

Motor gut, alles gut

Unter dem Bug schlummert ein 4.4 Liter großer V8 der mittels doppelter Turboaufladung zwangsbeatmet wird. Der mittlerweile altbekannte 8-Ender leistet im 7er 450 PS und mehr als ausreichende 650 Nm Drehmoment, die im Falle unseres Testwagens auf alle vier Räder verteilt werden. Die Gänge werden über einen sehr gut abgestimmten 8-Gang-ZF-Wandler sortiert. Mittlerweile lenken wir den dicken „Beamer“ auf der Autobahn und setzen zum überholen an. Ja, da geht schon was – der sonst sehr zurückhaltende V8 erhält im höheren Drehzahlbereich eine kernige Note, wirkt aber nicht aufdringlich. Erst im Sport-Modus klingt der Motor etwas merkwürdig und gekünstelt. Sei es drum. Im 7er ist es sowieso besser zu cruisen, als zu rasen. Denn an dieser Stelle torkelt wieder unser Oktoberfest-Tourist durch das Bild und stellt klar: er verträgt einige Liter Sprit bevor er an sein Limit kommt. Um genau zu sein pendelt sich das Liter-O-Meter nach einigen Testkilometern über Stadt- Land- und Autobahnpassagen bei ca. 14 Litern auf 100 Kilometern ein.

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14 Liter feinstes Super Plus scheinen im ersten Augenblick vielleicht angemessen. Man hat die schwere Fuhre ja auch bewegt und kurzzeitig laut Tacho die 250 Km/h-Marke gestreichelt. Blickt man aber einige Jahre zurück, so hat auch ein E38 740i nicht unbedingt mehr Benzin gelitert. Und zwischen unserem G11 und dem Klassiker aus den 90ern liegen immerhin mehr als 20 Jahre Entwicklungsarbeit. Da fragt man sich natürlich schon, wo der Fortschritt geblieben ist. Zwar ist es auch möglich den 7er mit knapp unter zehn Litern zu bewegen. Nur wird man dann nie die höheren Weihen dieser Fahrzeugklasse erfahren. Denn unterm Strich ist der V8 eben doch feinste bayerische Motorenbaukunst. Kaum Vibrationen, niedrige Drehzahlen und ein satter Antritt auch oberhalb der 200-Km/h-Marke entschädigen für den ein oder anderen Liter zu viel – nur auf Dauer, so viel ist sicher, wird sich dieser Verbrauchswert im Flottenmanagement nicht mehr am Fuhrparkleiter vorbeimogeln lassen.

Fahren, oder fahren lassen

Vorweg: Der neue 7er BMW hat so viele technische Neuerungen, dass man diese bei nur wenigen hundert Testkilometern kaum sinnvoll ausprobieren kann. Somit haben wir unseren Fokus auf die teilautonomen Assistenzsysteme gelegt, die man in München so groß proklamiert hat. Also die Technik, die dafür sorgen soll, dass wir im Stau entspannt Zeitung lesen können oder dem Vordermann beim Spielen mit dem Handy nicht in den Kofferraum ballern. Kurzum: es funktioniert nur teilweise. Die Kameras und Sensoren des neuen 7ers arbeiten zeitweise nicht feinfühlig genug, erkennen eingescherte Fahrzeuge zu spät oder missachten Fahrbahnmarkierungen. Gefährlich wird es, wenn man sich auf den Stauassistenten verlässt und vor einer engen Kurve steht. Beim Test kam es vor, dass das vorausfahrende Fahrzeug nicht mehr erkannt wurde und der Wagen selbstständig auf die zuvor eingestellte Geschwindigkeit beschleunigen wollte. Nach wie vor dient die Technik nur zur Unterstützung des Fahrers – kann ihn und wird ihn auch so schnell nicht ersetzen. Etwas bitter ist die Pille allerdings, wenn selbst ein neuer Audi A3 das automatische Pilotieren besser geregelt bekommt, als eine 150.000 Euro Limousine. Darüber kann auch nicht die Tatsache hinwegtäuschen, dass man seinen Wagen mittels Fernbedienung in eine Parklücke schieben kann.

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Reisen wie im Learjet

Mit viel Getöse wurde auch die neue Gestensteuerung im 7er angekündigt. Nett, mehr aber auch nicht. Spätestens nach den ersten paar Versuchen wandert die Hand nicht mehr sinnfrei in der Luft herum, sondern sucht feste Drehregler und Druckpunkte am iDrive Controller. Gut gelungen ist allerdings die nächste Evolutionsstufe der Sprachbedienung. So erkennt der BMW jetzt auch eine eher umgangssprachliche Ausdrucksweise und erspart das Abarbeiten einzelner Eingabeschritte – zum Beispiel bei der Eingabe eines Navigationsziels.

Sehr gefallen hat uns die Learjet-Atmosphäre des neuen 7er G11. Vorausgesetzt, man sitzt dabei hinten rechts und hat das mindestens 12.450 Euro teure Executive Lounge Paket angekreuzt. Gemütlich kuscheln wir uns also in das Heckabteil des Luxusliners. Sinken ein in die dicken Ledersessel, die heizen, kühlen und natürlich massieren können. Anschließend schnappen wir uns das integrierte Tablet und sind ab sofort Commander in Chief des 7ers. So ziemlich alle sinnvollen und sinnlosen Dinge lassen sich mit dem Samsung Schneidebrett bedienen. Seiten- Heck- und Sonnendachrollo, Ambientebeleuchtung, Radio- und TV-Empfang. Aber auch die Sitze lassen sich mit einem Fingerstreich in alle Richtungen bewegen. Ein Schelm wer bei so viel Bordvernetzung an Böses denkt.

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Die von BMW eingesetzten Materialien im Innenraum passen allerdings nur bedingt zum sonst betont durchgestylten Innenleben des 7ers. Zu viele Teile sind aus eher mittelklassigem Kunststoff gefertigt. Viele Schalter und Knöpfe erinnern an kleinere Modelle. Etwas mehr Wertigkeit würde gut tun, vor allem wenn man den hohen Gesamtpreis unseres Vorführers betrachtet. Noch dazu, wenn mit dem 50i nicht einmal die Leistungs- und damit die Preisspitze erreicht ist.

Fazit

Alles in allem hat BMW mit dem neuen 7er ein gutes Auto auf die Beine gestellt. Die Technik wirkt solide. Gerade bei Antrieb und Getriebe vertraut man auf bewährtes Material. Allerdings sind es die Kleinigkeiten die stören und auf die es insbesondere in dieser Preisklasse ankommt. Ein zu hart gefedertes Fahrwerk, teils überladen wirkende Bedienmenüs und eben auch viel Plastik im Innenraum lassen den neuen 7er G11 vor allem gegen die direkte Konkurrenz von Mercedes nicht so wertig erscheinen. An vielen Ecken und Enden wirkt der große BMW einfach nicht staatsmännisch genug um einer S-Klasse den Schneid abzukaufen. Auch ein Audi A8, obwohl einige Jahre älter, wirkt bei mancher Detaillösung durchdachter. Keinen Fehler macht der Kunde hingegen mit dem 50i V8. Ein mittlerweile aussterbendes Relikt deutschter Ingenieurskunst, dass sich zwar den einen oder anderen Liter Super Plus zu viel gönnt, auf lange Sicht aber ein ehrlicher und zuverlässiger Begleiter ist. Als Kurzversion und für den Selbstfahrer bleibt der 7er auch weiterhin eine interessante Alternative zu den Luxus-Modellen aus Stuttgart und Ingolstadt.