Driven: Artega GT

Er kostet fast 20.000 Euro mehr als ein Porsche Cayman, hat einen 300-PS-Motor aus dem VW Passat R36 unter der Haube und musste sich nun einem Kurztest von evocars unterziehen – der Artega GT des Modelljahrgans 2011.

Hier geht’s zur XXL-Galerie!

Hamburger Regenwetter und eine Fahrzeit von knapp über 30 Minuten. Na, das kann ja ein feucht-fröhliches Intermezzo werden. Kandidat für den Kurztrip in die halblegalen Sphären des hanseatischen Industriegebiets: ein dunkelblauer Artega GT, innen gehüllt in hellbeige bis weiße Kuhhaut. War die Frage ob die Jeans neu ist also doch berechtigt. In der Hand liegt ein Schlüssel der sich klar der Firma Volkswagen zugehörig zeigt. Der Schlüssel, der einen Eintritt gewährt in eine schmalgeschnittene Kanzel. Sie verbindet den Fahrer mit der 1285-kg-Flunder und 300 PS hinter den engen, aber bequemen  Komfortschalensitzen. Diese PS stammen, man mag es kaum glauben, aus einem Passat. Allerdings aus einem R36 – der 300 PS starken Speerspitze. Beim Artega sorgt das Aggregat für ein Leistungsgewicht von 4,28 Kilogramm pro Pferdestärke. Den direkten Vergleich muss sich der Porschekonkurrent aus Delbrück da gefallen lassen: die Aktuelle Variante des Cayman S bringt es trotz Mehrgewicht auf 4,21 kg pro PS. Also eine wirklich enge Geschichte.

Womit wir dann auch beim Thema wären: Bei 1,77 Meter Körpergröße kann es im Artega schon knapp werden mit der Kopffreiheit, zumal die Sportsitze nicht höhenverstellbar sind. Auch die Frontscheibe geht früh ins Dach über und so ist die Sicht nach schräg-oben schlicht nicht vorhanden. Insgesamt ist der Artega kein Raumwunder, alles ist eng und direkt auf den Fahrer zugeschnitten. Näher betrachtet wirkt das Interieur auch für ein Kleinserienmodell recht hochwertig verarbeitet und muss sich nicht vor den „großen“ verstecken. Dafür ist ihm eine gewisse Langeweile bei der optischen Anordnung von Lüftungsdüsen und Mittelkonsole anzukreiden. Und auch ergonomisch ist das Arrangement nicht optimal durchdacht.  Leicht beschmutzbarer Klavierlack und einige, vielleicht etwas zu verspielte und verschnörkelte Details formen dabei eher den Charakter des Sportwagens, der als Exot unter den Großen rangiert und auch genau mit diesem Image Fuß fassen muss. Störender sind da schon eher die zu kleinen, mitdrehenden Schaltpaddel hinter dem Lenkrad. Ob die Ingenieure deshalb dafür gesorgt haben, dass das DSG ärgerlicherweise auch im manuellen Modus am Drehzahllimit automatisch hochschaltet? Dies ist auf jeden Fall ein großes Manko und sorgt öfter mal dafür, dass man am Ende doch wieder nur im Automatikmodus fährt. Schaltet man nämlich zu spät, schaltet die Automatik hoch, wertet den eigenen Schaltvorgang dann aber als weiteres Hochschalten – schnell befindet man sich einen Gang zu hoch in der Skala. Hier besteht Verbesserungsbedarf.

Nichts zu meckern gibt’s dafür bei der Querdynamik: Die Lenkung ist direkt, präzise und passt zum ebenso direkten Fahrwerk. Auf der Bremse dreht der GT schön ein, lässt das Heck gerne mal leicht werden und zieht sauber und neutral durch die Kurve. Wenn man es übertreibt, fängt einen auch bei Hamburger Schietwedder das gut abgestimmte, aber etwas konservative ESP schnell wieder ein. Keine Sorge: Es ist komplett deaktivierbar! Und geradeaus? Da sind die 300 Pferdchen deutlich besser zu spüren als im Passat R36 und geben sich, entfesselt und gelöst vom Gewicht, ähnlich kraftvoll wie die im Cayman scharrenden Hengste aus Zuffenhausen.

Artega gibt die Sprintzeit des GT mit 4,8 Sekunden auf Tempo 100 an. Die Launch-Control im Hinterkopf klingt das durchaus glaubwürdig. Die Soundkulisse untermalt dabei klangvoll den Vortrieb. Der Sechszylinder ist dumpf und sonor und passt perfekt zum Auftritt des Artega. Zum Cayman S fehlen aber ein paar Dezibel und der klangliche Ehrgeiz in den oberen Drehzahlen. Dafür ist das tieftourige vom Brummen untermalte DSG-Durchtröten wirklich gelungen!

Von der praktischen Seite betrachtet fällt, es einem leicht, sich schnell mal über den fürchterlich kleinen Kofferraum hinter der Vorderachse zu beschweren, in den gerade mal eine Kameratasche und ein bisschen Kleinkram passt. Aber das wäre nicht fair. Außerdem sitzt hinter den Sitzen noch eine relativ große Mulde, in die hochkant wunderbar zwei flache Koffer passen. Das schreit förmlich nach hauseigenem Artega-Gepäck. Schreien kann man allerdings auch beim Preis: mit 83.900 Euro Basis ist man gewaltige 20.000 Euro vom erwähnten Cayman S entfernt. Dafür kriegt man ein ausgereiftes, zackiges und schönes Fast-Unikat, das sich vor dem Porsche nicht verstecken muss und mit ihm so gut wie auf einer Augenhöhe steht. Individualisten bekommen somit einen hochwertigen, handgefertigten und einzigartigen Sportwagen aus Deutschland. Ob das allerdings den hohen Preis rechtfertigt, muss jeder für sich entscheiden.

Übrigens: Ab sofort verkauft auch AutoNova in Glinde (Hamburg) den edlen Renner. Möglicherweise ist der seltene GT dann auch öfter mal nebst dutzender 911er in der Hamburger Innenstadt zu sichten, zu begrüßen wäre es.

Technsiche Daten
Modell: Artega GT
Motor: Sechszylinder-Benziner, 3597 ccm
Leistung: 300 PS bei 6600 U/min
Drehmoment: 350 Nm bei 2500 U/min
Antrieb: Heck, Sechsgang-Doppelkupplung
Gewicht: 1285 Kg
Verbrauch: 8,9 Liter /100 Km Super
0-100 km/h: 4,8 sek. (gemessen)
Vmax: 273 km/h
Preis: ab 83.900 Euro

Hinterlasse eine Antwort

Deine Email Adresse wird nicht veröffentlicht.