Driven: Mitsubishi Lancer Evo X

Schon Optisch macht er einiges her: Unschuldig weiß lackiert, dazu die grauen Schmiede-BBS hinter denen die roten Brembo-Sättel hervorblitzen. So richtig bringen es aber erst der Heckspoiler und die Maschendraht-Front mit ihren Kühlernetzen.

Der Konkurrent: Unterwegs im Subaru WRX STi
Der Mitsubishi Lancer Evolution war immer schon ein auffälliges Auto. Aber auch eines, das dem optischen Ausdruck stets durch seine Fahrleistungen gerecht wurde. Nach fünf Jahren Bauzeit verabschiedet sich die aktuelle Generation X nun langsam aber sicher in den Ruhestand. Grund genug den Evo noch einmal richtig fliegen zu lassen.

Und nach den zwei Wochen mit dem Flügel sind wir ein wenig ins Grübeln gekommen. Was ist da los? Es liegt wohl an der fehlenden Euphorie, denn der Mitsubishi weckt einfach zu wenig Emotionen. Die Sitzposition in den nur gering verstellbaren Recaros ist das Eine, das nicht nur altbacken zu bedienende, sondern trotz Rockford-Fosgate-Lautsprechern auch eher lustlos klingende Infotainmentsystem das Andere. Im Innenraum wirkt der Lancer Evo mehr als überholt.

Überblick: Weitere Testberichte

Aber bei einem solchen Rallye-Ableger geht es ja nicht um Verarbeitungsqualität und Ausstattungsvielfalt bei einem solchen Rallye-Ableger. Schon klar, es geht ums Fahren. Und nur darum. Doch auch hier: der MIVEC-Turbo klingt weder besonders dramatisch, noch reißt seine Leistungscharakteristik an der Nackenmuskulatur. Schön cremig zieht er von unten, geht locker durch die Mitte und dreht willig bis in den roten Bereich. Aber so richtig nach Turboaufladung, nach wirklichem Punch, fühlt es sich nicht an.

Das TC-SST Doppelkupplungsgetriebe unterstreicht diesen Eindruck. Im normalen Fahrbetrieb hat es zwar immer schnell und ohne Zugkraftunterbrechung den passenden Gang im Kraftschluss, soll es dann aber zügiger vorwärts gehen, so dauert die Entscheidung über den Schaltzeitpunkt einfach zu lang.

Aber dafür gibt es ja den Sport-Modus. Wobei, wir gehen nicht über Sport, sondern direkt zu Super-Sport und ziehen den Sprit so richtig durch. Sind die extra für den Evo angemischten Dunlop-Sportreifen erst einmal auf Temperatur, ist es gerade recht, dass die Drehzahl im S-Sport-Modus nicht unter 5000 Touren fällt. Denn dort oben auf dem Drehzahlgipfel, da geht er schon gut. Zwar nicht bewusstseinserweiternd, aber schnell genug um im kurvigen Geläuf beinahe jeden Gegner abzuschütteln.

Vor allem auf Grund des cleveren Chassis: S-AWC, ACD, S-YAC, aber auch Klassiker wie Bilstein, Eibach und eine ausgefeilte Kinematik vieler Alu-Fahrwerkslenker sind der Grund für die wirklich feine Performance des Lancer Evolution. Rollt er im Stadtverkehr und bei schlechten Straßenbedingungen noch trocken und unnachgiebig ab, funktioniert er mit steigendem Tempo immer besser. Und damit meinen wir wirklich hohes Tempo. Denn erst wenn Du im knocking on heaven’s door-Modus unterwegs bist und dem lasernden Dorfpolizisten mit der Wirbelschleppe des Heckflügels die Mütze vom Kopf reißt, benutzt Du den Evo korrekt.

Dem bedarfsgerecht kraftverteilenden Antrieb und den klebrigen Gummis zum Dank ist der Kurveneingangsspeed praktisch egal, der Lancer lenkt immer messerscharf und vor allem neutral ein, krallt sich auf der gewählten Linie fest und feuert dank torque-vectoring mit „active oversteer“ aus der Kurve. Es ist ein Fest. Ein großes Fest. Selbst wenn Du nach einer halben Stunde ein wenig die Konzentration verlierst, der Tank halb leergefahren ist und die Bremse ein bisschen weich wird – der weiße Mitsubishi verzeiht Dir, bügelt Unsauberkeiten in der Linie aus, stört sich nicht an ruppigen Lastwechseln, sondern hat die Sache einfach im Griff. – Weil er eben ein Rallyeauto ist. Weil er für den Angriff gebaut wurde.

Und so fragen wir uns, warum Mitsubishi das Biest so gezähmt hat. Warum es sein Gesicht nur in ganz seltenen Fällen zeigen darf und die meiste Zeit irgendwie abgewürgt wird? Warum muss es ein fragwürdiges Soundsystem und sonstiger Luxusnonsens sein, der nur aufs Gewicht schlägt? Warum stattdessen keine dieser Kraftspritzen, die dem Lancer in England zu Teil werden? So ein FQ360 wäre sicher fein. Denn der würde frivoler klingen, mit dem Wastegate schnauben und das Feuer nicht erst kurz vor dem Drehzahlbegrenzer entfachen.

Mitsubishi muss wieder mehr aus dem Evo herausholen. Reichten die 280 PS vor gut zehn Jahren noch locker, um die Konkurrenz in Schach zu halten, so sieht es 2013 einfach anders aus. Und es wäre schade, wenn der Lancer Evolution hier unter die Räder geriete.

Technische Daten*
Modell: Mitsubishi Evo X
Motor: Vierzylinder Turbo-Benziner, 1998 ccm
Leistung: 295 PS bei 6500 U/min
Drehmoment: 366 Nm bei 3500 U/min
Antrieb: Allrad, Sechsgang-Doppelkupplung (TC SST)
Verbrauch: 10,4 Liter /100 Km Super+
0-100 km/h: 5,6 sek.
Vmax: 242 km/h
Preis: ab 49.950 Euro
* Herstellerangaben

3 Responses

  1. Marc Michel

    Würded Ihr jemandem der nen Evo sucht also eher einen IX empfehlen? Oder doch lieber den X weil der IX doch etwas in die Jahre gekommen ist (und es schwierig ist ein nicht verbasteltes Modell zu finden)?

    Antworten
    • Fabian Mechtel

      Pauschal eine Aussage zu treffen ist schwer. Am Besten wäre: einfach die verschiedenen Modell mal fahren. Gerade die alten Evo-Modelle (VI, aber auch VII und VIII) sind richtig schöne Geräte. Der X ist schon sehr zivilisiert – natürlich immernoch sehr schnell, aber eben auch sehr brav die meiste Zeit. Wenn man ihm ein bisschen unter die Arme greift und etwas nachschärft, sieht das natürlich anders aus. Aber rein aus der Box sind die Alten schon irgenwie „forscher“.

      Antworten
    • evocars

      Pauschal eine Aussage zu treffen ist schwer. Am Besten wäre: einfach die
      verschiedenen Modell mal fahren. Gerade die alten Evo-Modelle (VI, aber
      auch VII und VIII) sind richtig schöne Geräte. Der X ist schon sehr
      zivilisiert – natürlich immernoch sehr schnell, aber eben auch sehr brav
      die meiste Zeit. Wenn man ihm ein bisschen unter die Arme greift und
      etwas nachschärft, sieht das natürlich anders aus. Aber rein aus der Box
      sind die Alten schon irgenwie “forscher”.

      Antworten

Hinterlasse eine Antwort

Deine Email Adresse wird nicht veröffentlicht.