Driven: Nissan Nismo Leaf RC

Normalerweise reicht eine Runde auf der Rennstrecke nicht aus, um sich eine Meinung zu einem Fahrzeug zu bilden – besonders dann, wenn einem die Strecke nicht bekannt ist. Doch im nun folgenden Fall sieht die Sache anders aus. Denn der Nismo Leaf RC bricht alle Konventionen und so ist der kurz erhaschte Blick in seine ganz andere Welt genug, um einen ersten Eindruck zu gewinnen.

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Sicherlich, Rennflundern sind für uns kein Neuland. Und doch begegnen wir diesem 938-kg-schweren Kohlefaser-Ungetüm mit einem großen Maß an gebührendem Respekt! Nicht bloß die gegenüber dem Serienpendant 35 Zentimeter tiefere Karosserie trägt dazu bei. Nein, es ist vor allem die Antriebseinheit. Denn unter der – sagen wir mal vorsichtig ausgedrückt – „etwas verbreiterten“ Außenhaut befindet sich ein 109 PS-starker Elektromotor. Und so darf nach dem äußerst tiefen Einstieg über den selbst Elise-MK1-übertreffenden Mörderschweller und dem anschließenden Festzwängen im Schalensitz das obligatorische „isser denn eigentlich schon an?“ nicht fehlen. Ja, ist er.

Die angenehme Ruhe trotz laufendem Motor lädt nicht bloß dazu ein, mit dem nebenan sitzenden Instruktor ein kleines Pläuschen zu halten, sondern auch noch mal in aller Gelassenheit einen Blick aufs Cockpit zu werfen. Vor dem Piloten türmt sich angenehm aufgeräumt auf horizontal das Armaturenbrett auf. Alles wohlgeordnet nach klassischer Rennmanier. So weit, so normal.

Der besondere Teil folgt erst nach dem Gezuckel aus der Box des äußerst schönen Castelloli Circuit in Barcelona. Auf den Tritt des rechten der nur zwei Pedale folgt überaus Ungewohntes: erstens die so oft beschriebene, äußerst direkte und homogene
Elektro-Gummibandbeschleunigung (0-100 km/h: 6,85 Sekunden) und zweitens eine recht futuristische Geräuschkulisse. Die lässt sich am besten als eine laut wahrnehmbare Mischung aus U-Bahn, Gasturbine und Tron-Bike beschreiben. Von wegen, Elektroautos seien leise!
Mit einem wohligen „ich-bin-im-zweiundzwanzigsten-jahrhundert“-Gefühl geht es auf die erste Kurve zu.

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Wahrlich, die Motorleistung und auch die gefühlte Beschleunigung reißt keine Bäume aus – oder  einen vom Hocker – aber man merkt, dass die Nismo-Ingenieure anderswo mächtig Hand angelegt haben. Denn nach einer viel zu zaghaften, ABS- und Bremskraftverstärker-losen Weichei-Bremsung folgt ein messerscharfer Kurveneintritt, gefolgt von bretthart verklebter Rennstraßenlage und klischeebelasteter Direktanbindung zum Gehirn. Nein, hier sorgt nicht bloß die fehlende Servolenkung für Rennwagencharakter: Es ist die perfekte Kombination und Abstimmung aller Rennkomponenten, die diesen Stromer zur absolut spaßigen Kurven-Wunderwaffe machen. Ab Kurve drei klappt es dann auch so langsam mit der äußerst energisch zu bedienenden Bremse, die einen mit perfekter Rückmeldung und Körperstauch-Verzögerung belohnt.

Am Kurvenausgang der 180-Grad-Links tänzelt leicht das Heck durch power-oversteer. Überaus exakt sorgt ein kurzes Zucken am Lenkrad für den nötigen Stabilitätsausgleich. Auf der folgenden Geraden wird es mager über 100 km/h, was dann auch der größte Kritikpunkt des Leaf wäre: Etwas mehr Leistung könnte wirklich nicht schaden, liebe Nismo Jungs!

Nach einer gefühlt viel zu kurzen Runde geht es wieder in die Box. „Very well done“, gibt mir der sichtlich entspannte Instruktor noch mit auf den Weg. Beim Aussteigen überkommt mich die Frage, ob das dann jetzt wohl die Zukunft sei. Die Antwort: keine leise Ahnung, aber viel mehr Spaß kann man nicht haben!