Driven: Renault Sport Spider

Ohne Dach, ohne ESP oder Servelenkung dafür mit Fahrspaß im Überfluss überzeugt der puristische Spider aus dem Hause Renault. EVOCARS durfte den Kult-Roadster einen Tag lang durch die Eifel scheuchen und den Sport-Genen von Renault auf den Grund gehen.Wenn schon nach 20 Kilometern sportlich gefahrener Landstraße der Schweiß übers Gesicht läuft, das T-Shirt klatschnass und die Frisur im Ar… ist, sich gleichzeitig aber ein breites Grinsen von Ohr zu Ohr zieht, dann liegen möglicherweise einige Minuten am Steuer des Renault Sport Spider hinter Ihnen.

Selten bin ich ein so kompromissloses Spaßmobil gefahren. Seitenscheiben? Fehlanzeige. Windschutzscheibe? Nur gegen Aufpreis. ESP oder Servolenkung gibt’s nicht mal für Geld oder Stoßgebete und für ein Radio ist erst gar kein Einbauschacht vorgesehen. Angereichert wird diese Komposition von „nichtvorhandenen Dingen“ mit einem 147 PS starken Zweiliter-Vierzylinder im Heck des nur 965 Kilogramm schweren Extrem-Roadsters (ohne Scheibe: 930 kg). Übersetzt man das Ergebnis für einen Musikfreund, dann der Spider bestenfalls als brutales Stück von Disturbed oder Metallica durch, mit sanftem Rock’n Roll hat dieser Wagen jedenfalls nichts im Sinn. Hier wird waschechter Metal der ersten Jahre gegeben. Das sieht man schon beim Einstieg. Der Blick fällt sofort auf die im Rohzustand belassenen Alu-Streben des Chassis, überflüssiges Verkleidungsmaterial oder gar Dämmung sucht man hier vergeblich.

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Auch einen außen angebrachten Türöffner finde ich nicht. Brauch ich auch nicht. Schließlich gibt’s eh kein Dach, und so greife ich in den Innenraum und benutzte den innen liegenden Türöffner. Butterweich schwingt das „Türchen“ nach oben, ich fädel mich ein ein und ziehe den Einstieg zu. Lenkrad, Schaltknauf, großer Drehzahlmesser – fertig. Reicht doch. Der Sitz lässt sich zwar nicht in der Höhe verstellen, doch wenn die Sitzpolster rausgerupft werden, guckt selbst der über 1,90 große Tim (unser EVOCARS-Fotograf) nur noch rund zehn Zentimeter über die aufpreispflichtige Windschutzscheibe. Nur mit Mühe kann ich mir bei diesem Anblick ein Grinsen verkneifen (sorry Tim :-)). Doch nachdem wir die Plätze getauscht haben, ich das Prinzip des Rückwärtsgangs erklärt bekommen habe – den Schaltknauf nach links drehen und dann den Wahlhebel nach links oben schieben -, geht’s auf die Piste.

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Kein zweites Mal habe ich mich bisher von harmlosen Fahrleistungen, festgehalten auf einem Blatt Papier, so in die Irre führen lassen. Wenig beeindruckende 6,9 Sekunden für den Standard-Sprint und 215 km/h verrät mir das Datenblatt. Was sich auf der Straße abspielt, degradiert diese Zahlen allerdings zur Nichtigkeit. In Ermangelung einer Servolenkung muss ich am Steuer des Spider richtig arbeiten, und die ebenfalls unterstützungsfrei arbeitende Bremse will garstig getreten werden. Schon bei der Fahrt vom Hof schleicht sich das Lächeln auf die Lippen. Eh ich es auf den Landstraßen der Eifel krachen lasse, gehe ich noch einmal die Spezifikationen des wohl extremsten Renault aller Zeiten durch:

Der Motor des bereits 1995 vorgestellten und schon im 1999 eingestellten Spider stammt aus dem mehrfach aucgezeichneten Renault Clio Williams. Das Aggregat wurde aber für den Einsatz im puristischen Roadster gründlich überarbeitet und sitzt nun mittig platziert direkt hinter den beiden Insassen. Er leistet 147 PS und schickt sein 185 Newtonmeter ungefiltert an die Hinterachse. Das Fahrwerk des nur etwa 2000 Mal gefertigten Spider besteht aus einer Einzelradaufhängung: vorne aus doppelten Dreieckslenkern und hinten aus Dreiecksquer- und -längslenkern, verstärkt durch Stabilisatoren. Vorne sind die Federbeine quer und liegend eingebaut, um die geringe Bauhöhe der Karosserie zu ermöglichen. Für vernünftige, renntaugliche Verzögerung sorgt die ursprünglich im Alpine 610 Turbo verbaute Scheibenbremsanlage. Ok, dann kann’s ja losgehen.

Ich verlasse die Basis-Station auf einem alten Luftwaffen-Flughafen und kämpfe die ersten hundert Meter mit der zwar um acht Zentimeter verstellbaren aber aufgrund des schwer zu treffenden Schleifpunktes und des biestigen Gaspedals etwas zickigen Pedalerie. Doch wenn der Hobel läuft, dann gibt’s kein Halten mehr. Ich reihe mich hinter einem Trike ein, dessen Fahrer ihre Umwelt mit tierisch lauter „Rocker-Musik“ beschallen und so versuchen, den Käfermotor im Heck zu übertönen. Hilft nicht! Ich schalte runter in den Zweiten, ignoriere das Überholverbotsschild (mit so einem Gammel-Trike-Dings vor der Nase kann doch keiner ruhig leben) und hau das Pedal aufs Blech. Aus den beiden mittig platzierten Endrohren dringt ein heiseres Fauchen an mein Ohr. Diese Klangoffenbarung könnte zwar gerne noch etwas wonniger komponiert sein, doch angesichts der verdrehten Köpfe in der Eifel-Provinz bekommt der Sound immerhin noch die Note 2-3.

Nachdem das Ortschild hinter mir und das Landstraßen-Geschlängel vor mir liegt, will ich’s wissen. Fest packe ich das Lenkrad, hau aufs Gas und durcheile die fünf Gänge. Der Drehzahlmesser in der Mitte zeigt den roten Bereich bei etwa 7000 Umdrehungen und damit steht das Schaltprogramm fest. Schon bei Tempo 100 wütet ein böser Sturm im Cockpit, dem meine Haare nur dank des massig aufgetragenen Gels trotzen. Bei 130 Sachen wird der Spider bei diesen Landstraßenverhältnissen beängstigend unruhig, und bei Tempo 180 bekomme ich gehend Angst. Gut, dass die Straßen wie leergefegt sind. Dann nähert sich die erste Kurve und ich bremse etwas ängstlich runter. Kurz vor der Rechtsbiegung kann ich dass Ende einsehen und steige wieder aufs Gas. Geschafft. Bei der nächsten Richtungsänderung bin ich mutiger, bleibe länger auf dem rechten Pedal und lasse mir den Sturm weiter ins Ohr brüllen.

„Verdammt!“ Diese Kurve ist eine Kehre und ich bin viel zu schnell. Beherzt steige ich auf die Bremse, hoffe, dass die Räder nicht blockieren und habe Pech. Sie blockieren. Mit leicht quietschen Pneus und etwas wedelndem Heck tänzel ich auf die Kurve zu, werfe das Heck rum und trete wieder aufs Gas. Willig schiebt der Hintern rum, ich bleibe sogar auf meiner Spur und der Wahnsinn hat mich gepackt. Porsche 911, BMW M3 und Mitsubishi Lancer Evo X sind tolle Autos, aber das unverfälschte Fahrerlebnis bieten sie nicht mehr. Der Spider spendiert jedoch eine Extra-Dosis dieser Droge.

Nach nur 20 Minuten bin ich kochgar. Das Hemd ist durch, in den Ohren piepst es und die Hitze im Rücken ist fast unerträglich. Ich rolle auf das Flughafengelände zurück und stelle den Renault Sport Spider stolz ab. Ja, ich bin stolz. Stolz, dass ich mich für 20 extreme Minuten der Herausforderung „Spider“ gestellt, die Straße wirklich erlebt und den Wagen heile wieder abgeliefert habe. Noch ein paar Minuten stehe ich neben dem Roadster, lasse die letzten Kurven Revue passieren. Also mal ehrlich: DIESER Renault hat meine Wahrnehmung für die französische Marke mit dem Rhombus verändert. Soviel Sport hätte ich den Jungs garnicht zugetraut. Obwohl ich vom Clio RS Cup durchaus angetan war und bin!

Erst nach einigen weiteren Minuten steige ich in den nächsten „Sport“-Vertreter, den Renault zu diesem Treffen in der Eifel mitgebracht hat – einen Twingo RS. Der hat zwar mit 133 PS faste ebensoviele Ponys unter der Haube wie der Spider, aber irgendwie …

Technische Daten:
Modell: Renault Sport Spider
Motor: Vier Zylinder Benzin, 1998 ccm
Leistung: 147 PS bei 6000 U/min
Drehmoment: 185 Nm bei 4500 U/min
Antrieb: Heck, Fünfgang manuell
Verbrauch: 9,3 L/100 Km Super
0-100km/h: 6,9 Sekunden
Vmax: 215 km/h
Preis mit Windschutzscheibe: 58.300 DM (1996)

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