Die erste Generation des Volvo XC90 blieb eine gefühlte Ewigkeit auf dem Markt. Und richtig, stolze zwölf Jahre wurde das große SUV aus Schweden angeboten. Bis 2014 überstand der Siebensitzer mit behutsamer Modellpflege erfolgreich die sehr wechselhaften letzten Jahre des schwedischen Autobauers. Doch mittlerweile gehört die Volvo Cars Group dem chinesischen Autobauer Geely und mit frischem Geld und einer klaren Vision hat man die eigene Sinn- und Absatzkrise überwunden und einen Transformationsprozess gestartet, an dessen Spitze jetzt stolz aufragend ein Fahrzeug steht: die zweite Generation des XC90. Wir haben das Topmodell „T8 Twin Engine“ getestet und sind erst einmal der Frage nachgegangen: sind vier Zylinder in der Oberen Mittelklasse für eine SUV überhaupt ausreichend?

Dickes Ding mit kleinem Otto und Elektromotor

SUVs in dieser Klasse sind schwer, so auch der XC90. Unter zwei Tonnen geht da gar nichts. Selbst der Einstiegsdiesel mit 190 PS und Frontantrieb wiegt 2.052 kg. Richtig dick kommt es aber, wenn man sich für den T8 entscheidet: erst bei geballten 2.343 kg bleibt die Nadel der Waage stehen. Doch man muss diesen Wert relativieren, denn dieses Gewicht beinhaltet zum einen den Zweiliter-Benzinmotor, der nicht nur von einem Turbolader, sondern auch von einem Kompressor unter Druck gesetzt wird. Das Ergebnis sind stramme 320 PS und 400 Newtonmeter, die ausschließlich die Vorderachse antreiben. Zum anderen beruht ein Großteil des Mehrgewichts auf einer Lithium-Ionen Batterie (max. Speicherkapazität: 9,22 kWh) samt Elektromotor, der mit seinen 65 kW und 240 Nm ausschließlich die Hinterachse antreibt. Das führt zu einer stattlichen Systemleistung von 407 PS und 640 Newtonmeter Drehmoment. Nicht beeindruckend? Ein Vergleich ordnet diese Werte ein wenig ein. Der ebenfalls siebensitzige Audi Q7 e-tron Plug-in-Hybrid kommt mit seinem V6 Diesel auf stattliche 2.520 kg, hat aber nur 373 PS und 600 Nm. Der BMW X5 xDrive40e Plug-in-Hybrid mit optionaler dritter Sitzreihe wiegt zwar nur 2.305 kg, kommt aber in der Systemleistung nur auf 313 PS und 450 Nm.

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Sicherlich, Plug-in-Hybrid Konzepte nur an Hand der Leistungswerte und Gewichte zu vergleichen, ist etwas oberflächlich, doch wir wollen uns auch nicht in Details verlieren. Letztendlich zählt, wie sich das ganze im Alltag anfühlt und da können wir dem Volvo XC90 T8 Twin Engine ganz klar bescheinigen: Läuft! Oder anders formuliert: Die Sorge, dass ein verhältnismäßig kleiner Verbrennungsmotor in Kombination mit einem Elektroantrieb das Volvo SUV-Topmodell nicht standesgemäß vorantreiben könnten, ist vollkommen unbegründet. Und selbst das Klangbild des Vierzylinders ist nicht störend. Natürlich, ein gemütlich grummelnder Sechszylinder Diesel oder ein gurgelnder V8 wirken akustisch souveräner, aber im Vergleich klingen die vier Töpfe des Schweden passend zum Gesamtauftritt.

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Hochwertiger Innenraum mit edlen Materialien

Und dieser Auftritt ist einfach nur stilsicher und formvollendet. Was der deutsche Volvo-Designchef Thomas Ingenlath und sein Team auf die bis zu 22 Zoll großen Räder gestellt haben, ist wahrlich beeindruckend. Das sympathische dabei: man orientiert sich im Interieur nicht an der germanischen Interpretation von intuitiven Bedienkonzepten und Gestaltung, sondern geht einen ganz eigenen Weg. Herausgekommen ist ein hochwertiger Innenraum mit edlen Materialien, feinen Details (z.B. eine kleine Schwedische Flagge an den Kedern der Sitze) und feiner Verarbeitung in Kombination mit dem sogenannten Sensus Connect System, über das man auf einem 9-Zoll Touchscreen in der Mittelkonsole alle zentralen Funktionen erreicht. Kein Drehrad, keine Tasten. Wer Tabletcomputer liebt, wird sich hier schnell zurecht finden.

Galerie: Volvo XC90 T8 Twin Engine

Doch auch ohne Tablet Affinität fühlt man sich im XC90 sehr schnell sehr wohl. Das knapp fünf Meter lange, fast 1,8 Meter hohe und über zwei Meter breite SUV bietet nämlich im Vergleich zu seinem Vorgänger endlich richtig Platz und eine hervorragende Ergonomie. Der Plug-in-Hybrid Antrieb rundet dabei ein entschleunigendes Gesamtbild ab. Wer im Hybrid Modus über Stadt und Land gleitet, wird kaum spüren wann der Schwede von den maximal 43 Kilometern rein elektrischer Reichweite ein paar Meter abknabbert, oder den Benziner zündet. Sicherlich ist dieser harmonisch verschliffene Mischbetrieb der Antriebe am besten für den Alltag geeignet.

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Rein elektrisch sind 125 km/h möglich

Doch man kann auch den Pfennigfuchser und Baumstreichler in sich ausleben: einfach das feine Rändelrad in der Mittelkonsole auf „Pure“ drehen und schon ist ausschließlich die Batterie die Energiequelle für den Vortrieb. Dabei dient der E-Antrieb dann nicht nur als Vortrieb, sondern auch als Motorbremse zur Rückgewinnung der Bremsenergie. Klar, dass dann die Höchstgeschwindigkeit bei 125 km/h gekappt wird. Doch der Pure-Modus ist auch mehr für das städtische Stop-and-Go, als für den Landstraßenbetrieb gedacht.

Ergänzend dazu passt dann der Save Modus. Denn wir werden es bestimmt in nicht allzu ferner Zukunft erleben, dass es Zonen geben wird, die nur lokal emissionsfrei befahren werden dürfen. Der XC90 T8 ist jetzt schon darauf vorbereitet, in dem er die Batterieenergie aufsparen kann, um sie später für eine rein elektrische Fahrt im Pure-Modus abzurufen. Der Elektroantrieb an der Hinterachse wird somit nicht für den Antrieb des Fahrzeugs verwendet, sondern nur für das Laden der Batterie beim Bremsen. Somit bleiben immer mindestens 20 Kilometer rein elektrisch übrig zum geräuschlosen dahingleiten

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Tempo 230 im Plugin-Hybrid sind maximal drin

Doch was soll der Geiz? Wir wäre nicht das evocars Magazin, wenn wir dem Probanden nicht mal die Sporen geben würden. Also: wie geht Thors Hammer mit 407 PS? Auf dem Papier stehen 5,6 Sekunden auf 100 km/h und 230 Spitze. In der Realität sagen wir: yep, den Topspeed erreicht er locker und noch ein wenig mehr laut Tacho. Auch schiebt der XC90 mit der Kraft der zwei Herzen in allen Lebenslagen ordentlich an. Ob es wirklich unter 6 Sekunden für den Standardsprint sind, haben wir nicht gemessen. Zu schnell tauchten wir furchterregend in den Rückspiegeln der anderen Verkehrsteilnehmer auf, denn wer den XC90 schon live erlebt hat, weiß, wie imposant seine Erscheinung ist. Doch eins wurde bei der Ausfahrt im bayrischen Voralpenland auch deutlich: Kurven mag der dicke Schwede nicht. Zu Indifferent die Lenkung, zu wenig auf Sport ausgelegt das Fahrwerk. Da hilft auch das optional R-Design Paket mit bulligeren Schürzen und dicken Rädern mit 275er-Reifen nicht. Der XC90 pflegt lieber eine hohe Fahrkultur, als das wilde Angasen, auch wenn er sowohl die Kraft, als auch eine entsprechend standfeste Bremsanlage besitzt.

Trotzdem ist Volvo mit dem XC90 T8 Plug-in-Hybrid eine Auto geglückt, dass sogar eingefleischte Spritköpfe zu beeindrucken weiß. Jedoch sind für das Topmodell auch mindestens 76.160 Euro fällig. Vollgestopft mit allem Luxus, wie unser Bursting Blue Metallic Testwagen, steuert das Preisschild dann schnell auf einen sechsstelligen Betrag zu. Die potenziellen Kunden scheint dies nicht zu stören. Die ersten 2.000 Einheiten des schwedische SUV mit den zwei Antrieben sind für den Deutschen Markt bereits verkauft, das Kontingent damit seitens Volvo erstmal erschöpft. Die Vision der Schweden scheint wohl aufzugehen.

Technische Daten*

Modell: Volvo T8 Twin Engine
Motor: Vierzylinder Reihe, Turbo- und Kompressor, 2.000 ccm, zzgl. Elektromotor
Leistung: 320 PS (Ottomotor), 65 kW Elektromotor
Drehmoment: 4o0 Nm (Ottomotor), 240 Nm Elektromotor
Antrieb: Allradantrieb (Benziner vorn, Elek.-Motor hinten), Achtgang-Automatik
Verbrauch (ECE): 2,1 Liter/100 Km (rein theoretischer Wert)
Beschleunigung (0 – 100 Km/h): 5,6 Sek.
Höchstgeschwindigkeit: 230 Km/h
Abmessungen (L/B/H): 4,95 m/1,93 m/1,76 m
Gewicht: 2.343 Kg
Grundpreis: 76.150 Euro

*Herstellerangaben