Der Mittdreißiger in seinem fast aktuellen Carrera war sichtlich bemüht, nicht anerkennend rüberzuschauen, als er in der 120er-Begrenzung an dem kalksteingrauen (Limestone Grey Metallic klingt so gewollt modisch) Golf mit den kaum zu übersehenden vier Endrohren vorbeizog. Hatte er selbiges doch auf dem (unlimitierten) kurvigen Geläuf in den Kasseler Bergen trotz hohem fahrerischen Einsatz nicht geschafft.

Was war passiert? Nun, der Fahrer des Golfs hatte entweder muterweiternde Pillen geschluckt (selbstverständlich nicht!) oder saß einfach in einem verdammt guten Vehikel. Und zumindest die technischen Daten des derzeit stärksten Sprösslings der Golffamilie sprechen für letzteres. Sportfahrwerk mit 20 Millimetern Tieferlegung, eine nochmals direkter abgestimmte Progressivlenkung sowie Allradantrieb mittels Haldex-Kupplung. 300 PS aus zwei Litern Hubraum, knackig kurzes Sechsgang-Schaltgetriebe. Ja, wir sprechen immer noch von einem Golf.

Galerie

 

Wo bereits die schwächeren Konsorten GTI Performance und GTD glänzen, legt der R rundum eine große Schippe drauf. Dabei ist es nicht nur der turbinenartige Vorwärtsdrang des knapp eineinhalb Tonnen schweren Wolfsburgers: schon bei knapp über Leerlaufdrehzahl legen 380 Newtonmeter los und das Geschiebe hört tatsächlich erst da auf, wo sich auch das Drehzahlband rötlich färbt. Und noch schöner: Die Leistung kommt immer dort an, wo der Fahrer sie haben will, nämlich auf der Straße.

Denn auch wenn der als „Softie-Allrad“ verschriene 4Motion standardmäßig nur die Vorderräder antreibt, ist das System inzwischen so weit fortgeschritten, dass auch bei sehr sportlicher Fahrweise keinerlei Schlupf zu registrieren ist. Der Grenzbereich des R ist durch das Zusammenspiel von angenehm schwergängiger Lenkung und dem adaptiven Fahrwerk DCC (1.015 Euro) sehr hoch angesiedelt. Die Progressivlenkung wird mit zunehmendem Tempo noch schwergängiger und leitet genau die Informationen in des Fahrers Hände, die diese mitbekommen möchten. Aber auch nicht mehr. Dadurch ist der Golf nahezu perfekt kontrollierbar, weil der Fahrer immer weiß, was das Auto „gerade macht“. Und damit es zum regelnden Einsatz der elektronischen Helferlein kommt, bedarf es schon einer großen Portion Unsensibilität.

Wer dafür die Regelgrenze erkennt und sich knapp darunter bewegen kann, wird mit einer Fahrdynamik entlohnt, die in dieser Klasse ihresgleichen sucht. Weitgehend neutral und sogar mit einem Schuss Übersteuern wedelt man mit dem Golf VII R Serpentinen rauf und runter, als gäbe es kein Morgen. Und hält auf der Autobahn dank passender Gangübersetzung auch mit den starken Kalibern mit – siehe oben.

Was könnte bei solch einem Ensemble nur stören? Richtig, quengelnde Beifahrer oder ein künstlicher Motorsound. Wer nicht Freundschaften oder gar Ehen aufs Spiel setzen möchte, wählt den Beifahrer als das geringere Übel. Und der unsägliche Fünfzylindersound, der sowohl aus den vier Endrohren tönt als auch – viel schlimmer – im Innenraum dröhnt, lässt sich glücklicherweise weitgehend ausschalten. Dazu muss man nur im Untermenü des Untermenüs der Fahrdynamikregelung die Motoreinstellung nicht auf Sport stellen, auch wenn man der Versuchung gerne erliegt. Warum, VW?

Es ist doch auch gar nicht schlimm, wenn ein Vierzylinder nunmal klingt wie es ein Vierzylinder normalerweise tut. Natürlich hätten wir alle gern den guten alten Sechsender aus dem R32 wieder, doch das wird in diesem Leben eh nix mehr. Alltagsnutzer erfreuen sich schließlich an einem Golf R, der auch einfach Golf sein kann, wenn man ihn braucht. Problemlos drei Kinder auf den serienmäßig mit Alcantara umrahmten Sportsitzen unterbringt. Wenn es sein muss morgen früh mit Sack und Pack in den Wochenendausflug reist. Und am folgenden Montagmorgen unaufgeregt den Weg ins Büro findet.

Wer so vor sich hin alltagt, wird zusätzlich auch noch mit ganz ansehnlichen Verbräuchen belohnt. Zwar waren die von uns als Minimalwert von 5,5 Litern auf hundert Kilometer nur mit Unterbindung von sämtlichen Emotionen möglich, doch zwischen 7,5 und 8,5 Litern lässt sich der R problemlos bewegen. Wer es ständig krachen lässt, kann aber naturgemäß mit deutlich zweistelligen Werten rechnen. Ist dieser VII R also auch ein Biedermann, ist er ein bisschen wie jeder Golf?

Fest steht: Einen so hohen Perfektionsgrad hatte noch kein anderer Golf, der so vom Band rollte. Aber trotzdem schafft es der R, Emotionen zu wecken, ohne dabei Kompromisse eingehen zu müssen. Und wenn es nur der verbissene Blick des Carrera-Fahrers links neben Dir ist.

 

Technische Daten*

Modell: Golf R 2.0 TSI 4Motion
Motor: Reihen-Vierzylinder, Turbolader, 1.984 ccm
Leistung: 300 PS (221 kW) bei 5.500 – 6.200 U/min
Drehmoment: 380 Nm zwischen 1.800 und 5.500 U/min
Antrieb: Allradantrieb, Sechsgang-Handschaltung (opt. Sechsgang-DSG)
Verbrauch (ECE): 7,1 l/100 Km
Beschleunigung (0 – 100 Km/h): 5,1 s
Höchstgeschwindigkeit (abgeregelt): 250 Km/h
Abmessungen (l/b/h): 4,27 m/1,79 m/1,43 m
Gewicht: 1.476 Kg
Grundpreis: 38.325 Euro

* Herstellerangaben

Fotos: mag7 media für evocars

AlltagssportleR: VW Golf VII R im Fahrbericht
Was hat sich der Golf über die Jahre für Lästereien anhören müssen. Spießig, bieder und langweilig sind noch die nettesten Ausdrücke. Der Golf R ist all das in Perfektion, sehr schnell, sparsam und mit Allradantrieb bietet er alles, was das Fahrerherz begehrt. Verpackt im Golf-Anzug. Was will man eigentlich mehr?
Antrieb90%
Fahrverhalten90%
Design70%
Innenraum75%
Preis65%
Fun-Faktor75%
Stark
  • Allrad
  • Motor
Schwach
  • Serienausstattung
  • Optik
78%Gesamtnote
Leserwertung: (11 Votes)
63%

7 Responses

  1. BLTC_SDE

    ich konnte den 6R nicht so wirklich als R wahrnehmen weil mich der Sprung vom klangstarken R32 zum 2.0 TFSI sehr ärgerte. Wenn ich nun aber sehe welche Leistung der Motor in diesem Fahrzeug bringt bin ich sehr erstaunt. der Hohe Preis ist meiner Meinung nach immer noch ein großer Minuspunkt. Die Duplex ist die erste die mir an einem VW gefällt !

    Antworten
    • Redaktion

      Also ICH denke, man hätte den R optisch etwas mehr absetzen können. Dem Kunden sagen, er könne ja eine andere Abgasanlage drunter bauen ist die eine Sache, doch dickere Backen nachrüsten ist halt etwas schwer. Also auf den ersten (und den zweiten) ist der R nicht zu erkennen und das ist schade. Da lobe ich mir doch tatsächlich den IV R32 🙂
      (Jan)

      Antworten
      • Maximilian Planker

        Das Problem beim VII R ist, dass es von vorne zu wenig Unterschiede zum normalen Golf „Highline“ oder gar R-Line gibt und hinten dafür die vier dicken Endrohre sitzen. Mit der Zeit gewöhnt man sich zwar an die Optik, aber ganz rund ist es nicht. Vorne etwas aggressiver oder hinten lieber nur zwei Endrohre wäre besser gewesen…aber heutzutage müssen ja vier Rohre an fast alles…

      • Felix Maurer

        Ich finde den 7er rein optisch schlichtweg zu langeilig für das sportliche Topmodell des Golfs. Mir fehlt die Agressivität, das „ich will jetzt endlich einsteigen und losdonnern“. Das Konzept hat bei den Vorgängern meines Erachtens wesentlich besser funktioniert…

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