Driven: Mercedes G 350 Bluetec

Nein, die Mercedes G-Klasse gehört nicht wirklich zu den fahrdynamischen Ausnahmeerscheinungen, die eigentlich in unserem Fokus stehen. Doch das dicke „G“ ist einfach Kult und aus diesem Grund sind wir ausnahmsweise aus unseren Sportwägen ausgestiegen und in einen G 350 Bluetec geklettert. Modellgepflegt, mit langem Radstand und voll ausgestattet ermöglicht dieser Geländewagen einen ganz neuen Blick auf den automobilen Alltag. Los geht’s.

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Woran erkennt man, dass man alt wird? Man ist die Mercedes G-Klasse schon gefahren, als sie noch „G Modell“ hieß und mit Motorisierungen angeboten wurde, für die sich die Stuttgarter Ingenieure heute schämen würden. Wer sich an Varianten, wie den schwachbrüstigen Saugdiesel im 250 GD oder den noch mit Vergaser bestückten Vierzylinder-Benziner im 230 G erinnert, weiß, wovon wir sprechen. Mit dem Sechszylinder im 280 GE war man zwar etwas besser motorisiert, aber dafür soff der legendäre Doppel-Nockenwellen Motor wie ein Loch. Doch auch der letzte Sechszylinder Benziner, an den wir uns erinnern, der 320 GE, war keine antriebstechnische Bereicherung. Der 24-Ventiler lechzte nach Drehzahlen und genehmigte sich daher bei zügiger Fahrweise gut und gerne 30 Liter auf 100 km.

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Der erste G, der auch motorisch in positiver Erinnerung blieb, war der mächtige G 400 Diesel. Das war die Zeit, in der Dieselmotoren durch Turbolader und modernste Einspritztechnik plötzlich unglaubliche Drehmomentberge produzierten und auch einem 2,5-Tonnen-Kohlenkasten endlich die Souveränität verleihen konnten, die er seit seiner Präsentation ausstrahlte. Doch Leider gibt es keinen V8 Turbodiesel mehr im Programm der Daimler AG, der seinen Weg in das G finden könnte. Ersatz liefert seit einigen Jahren ein Dreiliter-V6 Diesel, der mit zusätzlicher Harnstoffeinspritzung zwar nicht mehr Leistung generiert, aber die von 211 PS produzierten Abgase optimal gesäubert in die Umwelt entlässt.

Bluetec hin, Piezo Einspritzdüsen her, ein Spritsparwunder wird die G-Klasse in diesem Leben nicht mehr. Der cw-Wert von 0,54 ist gleichbedeutend mit dem Ansatz, in einem motorisierten Einfamilienhaus über die Autobahn fahren zu wollen. Dementsprechend spürt der Kutscher im „G“ ab 140 km/h, dass die 540 Newtonmeter langsam aber sicher den Kampf gegen den Luftwiderstand verlieren. Die eingetragene Höchstgeschwindigkeit von 175 km/h wird zwar erreicht und auch ein wenig mehr, doch der Weg dahin ist ein mühsamer und freudlos. Außerdem treibt er nur unnötig den Verbrauch des Selbstzünders in die Höhe. Die außerstädtisch versprochenen 9,8 Liter auf 100 km können sich so auf jeden fall schnell mal verdoppeln.

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Doch wer will mit einem echten Geländewagen mit Leiterrahmen, permanenten Allradantrieb und drei sperrbaren mechanischen Differenzialsperren schon rasen? (Wenn man 175 km/h Rasen nennen kann).  Es ist vielmehr der Genuss, der hochherrschaftlichen Fortbewegung auf dem luxuriösesten Kutschbock, den man aktuell erwerben kann. Denn trotz etlicher serienmäßiger Sicherheitsausstattungen, wie  ABS, ASR, ESP, 4ETS und sechs Airbags, bleibt das Fahren im Alltag sehr rustikal. Da wundert es vielmehr, wie die schwäbischen Ingenieure in diesen automobilen Dinosaurier auch noch Schaltkreise für den optionalen Totwinkelassistenten, eine Distronic Plus und das Comand Online System verbauen konnten.

Doch all dieses neumodische Schischi verschwindet in der Bedeutungslosigkeit, wenn man die befestigten Straßen verlässt. Das „G“ steht eben für Geländewagen und nicht für SUV. Wenn man in der herrlich schaltenden 7G Tronic die Low-Range Untersetzung aktiviert und mit den drei zentral angeordneten silbernen Schaltern die Differenziale nach Bedarf sperrt, kommt ein unerwarteter Fahrspaß auf. Das G Modell – sorry, die G-Klasse – kann nämlich auch G-Kräfte aufbauen und sein eckiges Ende ein wenig in den angepeilten Kurven raushängen lassen.

Doch zu welchem Urteil kommen wir nun nach den zwei Wochen Winterspaß im deutschen Ur-Meter aller modernen Geländewagen? Nun, man erlebt die Welt ein wenig entrückt und schwebt im wahrsten Sinne des Wortes über den Dingen. G, das ist einfach erlebbare Automobilgeschichte. Doch leider auch eine teure. Bei rund 85.300 Euro beginnt die Reise in die Vergangenheit, die Anfang 2012 zum wiederholten Male modellgepflegt wurde. Doch wer diesen Betrag investiert, wird schnell feststellen: G macht einfach glücklich.

Mercedes G 350 im Angebot: