Driven – Mercedes SLS AMG Roadster

Es muss schnell gehen nach Reims. Schließlich bleiben kaum mehr als vier Stunden bis die Rallye Monte Carlo Historique beginnt. Und dabei haben wir noch nicht einmal unseren Koffer gepackt.
Egal, für drei Tage auf dem Beifahrersitz eines Rallye-Autos braucht es nicht viel. Und das Fotoequipment bleibt auch im Rahmen, schließlich wollen wir nicht das beste Foto, sondern die beste Zeit herausfahren. Vor der Tür wartet dann auch schon unser Reisewagen – und wirkt auf seine Art wie ein Relikt aus einer längst vergangenen Zeit. Eine schier unendliche Motorhaube, auf deren Grundfläche man hier in Frankfurt gleich zwei neue Wolkenkratzer bauen würde, eine Sitzposition mitten auf der Hinterachse und darüber ein knappes Fetzendach.

Sein Name: Mercedes SLS AMG Roadster. Ein Muskel auf Rädern, dessen hautenges Blechkleid die Dramatik der mächtigen Proportionen unterstreicht. An der Front blitzen gar scharfe Chrom-Krallen aus den Belüftungslöchern. Der 6,2er scheint ausbrechen zu wollen. Wir erweisen ihm diesen Dienst, drücken den Startknopf, lauschen ehrfürchtig den Eruptionen die der warmlaufende V8 durch die Karosserie schickt, werfen das Verdeck zurück und fahren los.

Bereits nach wenigen Kilometern haben sich Öl und Wasser aufgewärmt, die acht Zylinder gurgeln zufrieden und warten auf Marschbefehl. Der folgt prompt. In Form eines leicht ungestümen Audi-Fahrers. Wir konnten nicht genau sehen ob es nun ein A4, A6 oder A8 war, denn die Ingolstädter machen es einem da nicht gerade leicht. Jedenfalls rollt er dicht auf, zückt zwar nicht sofort die Lichthupe – wohlwissend, dass er im Zweifel wahrscheinlich doch den Kürzeren zieht – aber die geschlagenen Haken machen unmissverständlich klar, dass er ganz dringend vorbei muss.

Oder auch nicht. Denn schnell ist der Drehschalter in der SLS-Mittelkonsole von C auf S+ gestellt und das Gaspedal am Bodenblech. Als der Hammer hart fällt, das Gaspedal die Drosselklappen von Leerlauf in Tür-auf-Stellung reißt, bleibt kein Auge trocken. Fast meint man, einem bleibt die Luft zum Atmen weg. Ob das nun daran liegt, dass der 6,2er sämtlichen Sauerstoff in sich hineinsaugt, oder die eigene Adrenalinausschüttung einen kurzzeitig lähmt, ist allerdings nicht klar zu sagen.

Das Geräusch, dass den beiden Auspuffrohren bei dieser Beschleunigungsorgie entweicht, ist einzigartig. Sicher, die AMG-Modelle aus Affalterbach waren nie Kinder von Traurigkeit und haben schon so manchen Blümchenpflücker am Straßenrand vom Fahrrad geweht. Doch das, was der SLS entfesselt, ist von einer anderen Qualität. So ungefähr muss es sich anhören, wenn ein Dinosaurier in Flammen steht.

Und als nach und nach das Bewusstsein wieder zurückkehrt, der eben noch schnelle Audi weit abgeschlagen ist, die Drosselklappen ein bisschen weniger Querschnitt freigeben und sich der Zorn des V8 somit ein wenig beruhigt hat, beginnt die Reise. Von Mainz aus die A63 hinab nach Saarbrücken über Kaiserslautern. Kaum Verkehr, kaum Tempolimits und eine feine Topographie. Ideales SLS-Territorium. Die Tachoskala zeigt nur selten eine Eins an erster Stelle, bei der Drei hat man dann schon eher seine Mühe. Nicht, dass der Roadster das nicht schaffen würde, aber dreihundert-plus in der Nacht mit offenem Dach sind dann doch etwas, naja, anstrengend.

Nach der Grenze ist sowieso Schluss. Die Tankanzeige mahnt zum Nachfüllen und die Müdigkeit verlangt nach einem Koffein-Nachschlag. Die halbe Strecke ist geschafft und von nun an lauschen wir unserer Lieblings-Playlist aus den B&O-Lautsprechern, lassen den Tempomaten die Arbeit leiste. Denn auch das kann der SLS – komfortabel sein. Natürlich nicht wie eine S-Klasse, aber doch irgendwie „benzig“.

Vor allem, und das bewahrheitet sich am nächsten Morgen, weil der Roadster mit dem Stern kein echter Sportler ist. Schnell zwar, aber nicht richtig. Die Vorderachse ist gut, zackig lenkt er ein, bietet dabei viel Gefühl und doch bleibt man auf dem Weg von Reims nach Monaco nur schwer an den wieselflinken Oldi-Rennern dran, sobald es ein bisschen in die verwinkelten Bergstraßen geht. Zu groß ist der SLS, zu locker sitzt das Heck. Egal wie zart man ans Gas geht, sofort knüppelt die Hinterhand aus der Reihe. Spaß macht das schon, nur schnell ist es eben nicht.

Und so sitzt man am Abend erschöpft neben dem roten Roadster, die Mechaniker reparieren in der Nähe irgendeines französischen Gewerbegebiets einen Schaden am Rallye-Auto, und man denkt sich: ein fantastisches Auto, dieser SLS. Ein Auto, das es eigentlich nicht mehr geben dürfte. Ein bisschen Grand Tourer, ein bisschen Supersportler, aber irgendwie doch eher Musclecar – schnell, laut, grob. Und schön. Vor allem ohne Flügeltüren.

Pics: Teymur Madjderey

Technische Daten*
Modell: Mercedes SLS AMG Roadster
Motor: Achtzylinder-V8-Benziner, 6208 ccm
Leistung: 571 PS bei 6800 U/min
Drehmoment: 650 Nm bei 47500 U/min
Antrieb: Hecknatrieb, Siebengang-Automatik
Verbrauch: 13,2 Liter /100 Km Super+
0-100 km/h: 3,8 sek.
Vmax: 317 km/h
Preis: ab 195.160 Euro
* Herstellerangaben

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