Es war der Lacher des Jahres 2016, als Mercedes-Benz das X-Class Konzeptfahrzeug vorstellte. Manche hielten es für einen schlechten Scherz, wurden jedoch von der Presseabteilung mit durchdringender Ernsthaftigkeit zurechtgewiesen, dass es sich mitnichten um einen solchen handele. Das war dann wiederum so überzeugend, dass man es Mercedes wirklich eine Zeit lang zutraute, das vergessene und vor allem in Deutschland unterrepräsentierte Pickup-Segment radikal umzukrempeln. Mit modernem Chic, mit innovativer Technik, mit einem fetten V8-AMG-Modell als Coolness-Imageträger. Und jetzt? Jetzt steht die Mercedes-Benz X-Klasse vor uns. Und die ist nicht mehr als die Karikatur des X-Class Concept.

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Und der Grund hierfür ist nichtmal die allgemein bekannte Kooperation mit Renault-Nissan und dass die X-Klasse eigentlich nur ein aufgehübschter Navara (hier bei uns im Test) ist. Vielmehr ist es die nicht mehr coole, sondern nur noch einfallslose Optik des ersten Pickups der Stuttgarter. Die Front deutlich weniger progressiv, als es das Konzept und eine der drei Ausstattungslinien vermuten lassen, das Heck mangels durchgehender Lichtleiste (wie beim Konzept) einfach nur ein Nissan mit Stern. Im Innenraum geht’s weiter und der zeigt, dass es nicht reicht, mit einem Comand-Riesendisplay Mercedes-Luxus zu vermitteln. Mercedes-Benz selbst verweist offiziell darauf, dass sich auf der Ladefläche 17 Bierfässer á 50 Liter transportieren lassen. Ein Wink mit dem Zaunpfahl?

Doch selbst nach dem Konsum einiger Maß Gerstensaft fällt nach dem eingehenden Studium der Pressemitteilung auf: für einen ordentlichen Motor hat es auch nicht gereicht. Zum Einstieg gibt’s zwei Vierzylinder Diesel X 220d und X 250d (163 und 190 PS, Sechsgang-Schalter oder 7G-Tronic) und einen Vierzylinder-Benziner (165 PS). Erst mit Verzögerung nächstes Jahr kommt der X 350d mit sechs Zylindern und 258 PS auf den Markt. Das dürfte dann endlich die adäquate Motorisierung sein, aber AMG? V8 Biturbo? Wenigstens ein 43er? Fehlanzeige. Liebe Herren am Stern, Ihr packt Ü-500 PS in die C- und Ü-600 in die G-Klasse, aber für einen 5,35 Meter langen Pickup seid Ihr Euch zu fein?

Vielleicht aber liegt hier auch der Hase im Pfeffer: denn interessanterweise wird Mercedes die X-Klasse nicht für den vermeintlichen Hauptabsatzmarkt USA anbieten. Ein Fehler, den VW seinerzeit schon beim Amarok gemacht hat. Und das obwohl Nissan USA sehr wohl dort vertreten ist. Die Entwicklung der X-Klasse kann so teuer nicht gewesen sein, wenn es sich nichtmal lohnt, sie für den US-Markt zu homologieren. Stattdessen möchte man den Abenteurer in Europa, ab 2019 den Farmer in Argentinien oder die „premiumaffinen Familien“ in Brasilien – wer auch immer das sein soll – zum Kauf animieren. 2018 noch startet der Verkauf in Südafrika, Neuseeland und Australien. Doch in Bierfässern kann man die X-Klasse auch hierzulande nicht bezahlen, stattdessen braucht es Cash: mindestens 37.294 Euro müssen für sie in der Ausstattungsvariante Pure über den Ladentisch gehen. Etwas schicker geht es aber erst in der höchsten Version Power zu, die serienmäßig LED-Scheinwerfer, 18-Zoll-Felgen und einige weitere Komfort-Extras zu bieten hat. Immer gibt’s die Starrachse hinten, auf Wunsch auch zuschaltbaren Allradantrieb – erst der demnächst folgende X 350d wird permanenten Allradantrieb haben. Na dann viel Glück, Mercedes-Benz. Ihr werdet es brauchen.

Galerie

Die Bilder zeigen die neue Mercedes-Benz X-Klasse in der mittleren Ausstattungsvariante „Progressive“.