Nach zehn Jahren Bauzeit, unzähligen Sondermodellen (insgesamt waren 32 Varianten vom Gallardo auf dem Markt) und stetigen Verbesserungen verließ vor wenigen Tagen der letzte Lamborghini Gallardo – ein LP 570-4 Spyder Performante in rosso mars – die heiligen Hallen von Automobili Lamborghini S.p.A. in Sant’Agata Bolognese. Grund genug für uns, noch einmal die Geschichte des bisher meistgebauten Autos mit dem Stier auf der Fronthaube Revue passieren zu lassen.

Der erste Gallardo, der im Übrigen seinen Namen einer kämpferisch besonders mutigen Stierrasse zu verdanken hat, erblickte auf dem Genfer Auto-Salon im Jahr 2003 das Licht der Welt. Zum vierzigjährigen Bestehen der Marke Lamborghini stellte er einen Meilenstein in der Geschichte der Italiener dar. Nicht zuletzt durch die Kooperation mit Audi sollte der Gallardo der erste Lamborghini sein, der die rassige, unbequem radikale und einzigartige Designsprache mit Alltagstauglichkeit und Fahrsicherheit wirksam kombinieren konnte. Zwar zog der Allradantrieb auch schon zuvor in die Modelle Diablo und Murciélago ein, doch waren diese allein schon wegen des exorbitanten Kaufpreises nur für echte Liebhaber geeignet.

Der Gallardo hingegen war preislich auf dem Niveau des Porsche 911 turbo angesiedelt und stellte somit eine echte Konkurrenz zu dem Alleskönner aus Stuttgart dar. Mit 500 PS aus einem 5,2-Liter-Zehnzylinder und dem neuen Lamborghini e-Gear Getriebe, das Schalten ohne Kupplungspedal ermöglichte, konnten ebenso stattliche Fahrleistungen erfahren werden. Über 2000 Exemplare wurden vom Gallardo pro Jahr verkauft – ein hervorragender Wert für Lamborghini.

Doch das Vergnügen und das Interesse der Kundschaft konnte sogar noch gesteigert werden: im Jahr 2005 kam mit der Open-Air-Variante Gallardo Spyder ein Frischluft-Roadster auf den Markt, der an Fahrspaß kaum noch überboten werden konnte. Eine leichte Leistungssteigerung auf 520 PS, das vollelektrische Stoffverdeck, das auch Geschwindigkeiten von über 300 km/h trotzte und die hinreißende Optik sorgten trotz des stattlichen Aufpreises gegenüber dem Coupé dafür, dass der Gallardo Spyder zum Verkaufshit wurde.

 

Nicht einmal zwei Jahre später zog – als Krönung der ersten Baureihe des Gallardo – der Superleggera ein. Weniger Gewicht (100 Kilogramm) und mehr Leistung (530 PS) sowie die puristischere Optik mit großem, feststehendem Heckflügel und Rennsport-Attitüden im Innenraum führten das konsequente Konzept des Gallardo – viel Leistung und dank Alubauweise geringes Gewicht – wie selbstverständlich fort. Ein Jahr zuvor war mit dem Gallardo nera eine auf 185 Exemplare limitierte Sonderserie vorgestellt worden, die mit besonders exklusiver Ausstattung zu glänzen vermochte. Beide läuteten die baldige Ablöse des Gallardo ein.

Die Ablöse folgte im Jahr 2008 mit dem Gallardo LP 560-4. Weniger das behutsam weiterentwickelte und leicht am Supersportwagen Reventon angelehnte Design als die verbesserte Technik unter dem Blech begeisterte. Der Motor wurde grundlegend überarbeitet und leistete nun 560 PS. Auch das Getriebe und die Innenraumanmutung wurden verbessert. Der Gallardo Spyder folgte noch im selben Jahr und führte das Konzept erfolgreich weiter, auch wenn einige Kunden das Design des Neuen eher als Rückschritt betrachteten. Im Jahr 2010 wurde neben dem Superleggera und dessen sportlichem Ableger Spyder Performante (oben im Bild) eine ganz besonders heiße Version des Gallardo vorgestellt: Zu Ehren des Testfahrers Valentino Balboni kam der LP 550-2 auf den Markt, der – zum ersten Mal in der Geschichte des Gallardos – rein heckgetrieben war. Der Wegfall der Allradtechnik führte trotz 10 PS weniger zu einem spürbaren Dynamikgewinn am Volant und versetzte den Fahrer zurück in die Zeit der Lambos vom alten Schlag. Nur 250 Stück wurden vom „Valentino Balboni“ gebaut.

 

Noch im Jahr 2013 – fünf Jahre nach dem letzten Facelift des Gallardo – folgte eine weitere optische Überarbeitung, die aber keine tiefergehenden technischen Änderungen nach sich zog. Vielmehr kamen weitere Sondermodelle wie der Super Trofeo Stradale und der LP 570-4 Squadra Corse hinzu. Beide Sondermodelle verbinden den heute etablierten Markenpokal rund um den Blancpain Super Trofeo mit den Straßenversionen des Gallardo.

Der Squadra Corse, der auf der IAA 2013 in Frankfurt präsentiert wurde, trumpft mit besonders geringem Gewicht (1.340 Kilogramm) und aerodynamischen Veränderungen derart auf, dass er das verhältnismäßig alte Konzept des Gallardo fahrdynamisch auf das Niveau aktueller Sportwagen hebt. Doch trotz den Rundenrekorden, die der Squadra Corse aufgestellt hat, soll jetzt Schluss sein. Und der Neue dreht bereits fleißig seine Testrunden. Zu diesem Anlass kreierte Lamborghini gar ein eigenes Webspecial, das ein Hörerlebnis der ganz besonderen Art bereit hält. Sicher ist, dass sich die Optik des Nachfolgers am Supersportwagen Aventador orientieren wird. Wir sind jedenfalls gespannt, ob der Nachfolger, der vermutlich auf den Namen Cabrera hören wird, an den Erfolg des Gallardo anknüpfen kann.