Wie Kollege Kriebel bereits in seinem Test zum Opel Insignia Country Tourer feststellte, gibt’s in der EVOCARS-Redaktion ein paar Verdächtige, die haben’s nicht so mit SUV, sondern eher mit Kombis, stehen aber durchaus auf ein bisschen mehr Bodenfreiheit und eine Optik, bei der das Lackkleid auch nicht immer nach „gerade sauber geleckt“ aussehen muss. So ein Kerl also, der ordentlich was abkann. Und wer hat’s erfunden? Die Schweden!

Bereits im Jahr 1998 nämlich, lange vor Erscheinen des ersten Audi Allroad und weit vor Mercedes-Benz E-Klasse AllTerrain, brachte Volvo mit dem V70 Cross Country einen ersten geländegängigen Kombi auf den Markt. Damals hießen SUV noch Geländewagen und waren fernab von jeglichem Alltagsnutzen, doch der Cross Country sollte dem doch recht biederen Volvo-Kombi ein Abenteurer-Image verleihen. Am Wochenende ins Ferienhaus im Grünen, dessen Zufahrt leider über einen grob geschotterten Feldweg führt? Für jemanden mit einem Cross Country kein Problem. Sie erkennen, wohin die Reise gehen sollte?

Es folgten wie bereits angemerkt vorsichtig andere Hersteller, doch vor allem folgte die SUV-Wende, die das Rinnsal, das die höhergelegten Kombis ausgelöst hatten, in einen reißenden Fluss zu sich umleitete. Für Kombinationskraftwagen mit Offroad-Beplankungen bestand jahrelang keine Nachfrage, doch irgendwann fragte man sich bei Volvo: Warum eigentlich nicht? Die Cross Country-Idee wurde wieder aufgegriffen, gestärkt positioniert und fand nun im größten aller Volvo-Kombis, dem V90, ihren (aktuellen) Höhepunkt. Denn der V90 Cross Country ist ein Lifestyle-Laster mit schlammigem Antlitz, wie man ihn sich besser nicht hätte vorstellen können.

Genau die ihn – im Vergleich zum Serien-V90 – etwas ungehobelt wirkenden Details wie nicht lackierte Kotflügelverbreiterungen, der teils angedeutete Unterfahrschutz aus Aluminium und die erhöhte Karosserie stehen dem Schweden vortrefflich. Ja, wir sind beinahe geneigt zu sagen, er sieht besser aus als der ohnehin todschicke V90 und, da Länge und nicht Höhe bekanntlich läuft, deutlich besser aus als der ebenfalls nicht hässliche XC90. Unser Exemplar kam in Magic Blue Metallic (960 Euro) zu uns – eine edle Farbe, die trotzdem besagte Details nicht zu sehr verschluckt und die im Sonnenlicht sicher toll aussieht. Bei uns herrschte während der zwei Testwochen leider überwiegend Regen und Nebel, sodass man sich relativ schnell und gerne ins Innere verzog.

Dort treffen wir auf die gewohnte Volvo-Atmosphäre, auf die wir, da schon so oft beschrieben, nicht mehr ganz so detailreich eingehen wollen. Doch auch hier spielt der V90 Cross Country seine Stärken aus. Serienmäßig empfangen uns Komfortsitze in Nappaleder und Sitzheizung, kombiniert mit dem nur für den Cross Country erhältlichen dunklen Walnussholz ergibt sich ein überaus wohliger Innenraum. Hinzu kam bei unserem Testwagen das mit Leder bezogene Armaturenbrett samt Türtafeln, das als Bestandteil des Xenium Pro Pakets mit stattlichen 3.850 Euro zu Buche schlägt. Darin enthalten sind allerdings auch das Head-Up-Display, das Panorama-Glasdach sowie Sonnenschutzrollos für die hinteren Seitenfenster.

Zeit, das Verbrenneraggregat (momentan gibt es den V90 Cross Country nicht hybridisiert, sondern lediglich als Diesel oder Benziner) zu starten und mit dem großen Kombi auf Tuchfühlung zu gehen. Dabei ist die Art und Weise, wie sich der V90 Cross Country fährt, mit wenigen Worten umschrieben: Unaufgeregt, komfortabel und mit der gewissen schwedischen Zurückhaltung gesegnet. Typisch Volvo, ist man geneigt festzustellen.

Unser Testexemplar rollte als T5 mit serienmäßigem Allradantrieb zu uns. Das gewohnte Zweiliter-Aggregat unter der Haube leistet 250 PS und 350 Newtonmeter Drehmoment, ist nach wie vor etwas unkultiviert und kann mit hohen Drehzahlen ebenfalls recht wenig anfangen. Wir sind kein Freund von den Volvo-Vierzylindern, trauern als Ewiggestrige natürlich dem Fünfzylinder hinterher und würden, wenn wir müssten, wahrscheinlich eher zum Diesel greifen, da dieser wenigstens mit stattlichem Drehmoment verwöhnt. Als T5 wird aus dem V90 Cross Country kein Racer, 250 schwedische Pferdchen sind dabei allemal ausreichend, doch der Volvo gewinnt damit weder im Sprint, noch in der Elastizitätswertung einen Blumentopf. Und man hat den Eindruck, er möchte das auch gar nicht.

An den verschiedenen Fahrmodi haben wir aus diesem Grund schon gar nicht erst rumgespielt, sondern den Hebel der sanft und unauffällig agierenden Achtgangautomatik stets auf D gestellt und den großen Kombi über weite Strecken, teils Autobahn und Landstraße bewegt. Hier gefiel er uns vor allem mit überragendem Fahrkomfort, der unseres Erachtens noch einmal höher liegt als beim „normalen“ V90. Man sitzt vortrefflich, das adaptive Luftfahrwerk (an der Hinterachse, 1.970 Euro) bügelt sehr souverän (fast) sämtliche Unebenheiten weg, lediglich auf Kopfsteinpflaster und groben Querfugen könnte es für unseren Geschmack eben noch eine Spur sanfter sein, dann würde es umso besser zum Cruiser-Eindruck passen, den der V90 Cross Country vermittelt. By the way: Das Gedöns mit autonomem Fahren, das im V90 serienmäßig dabei ist, haben wir nicht ausprobiert. Das 600 Euro teure IntelliSafe Surround mit Totwinkelassistent und Cross Traffic Alert sowie sämtliche anderen (serienmäßigen) Assistenten haben wir hingegen für gut befunden. Insbesondere deshalb, weil sie nicht nervten, in einigen Situationen hilfreich waren und sich ansonsten störungsfrei abschalten ließen.

Sportlich fahren – kann das der V90 Cross Country auch? Nun, wir wären nicht Evocars, wenn wir es zumindest nicht einmal ausprobiert hätten, doch bei der Probe aufs Exempel blieb es dann auch. Die eingangs erwähnte Motorisierung trug ihren Teil dazu bei, dass wir kaum Lust dazu verspürten, den V90 schnell durch enge Kurven zu treiben. Hinzu kam eine Lenkung, die weder mit einer besonderen Direktheit, noch mit einer übermäßigen Rückmeldung aufwarten konnte, sodass wir auch ihr relativ neutral gegenüberstanden. Wie schon eingangs erwähnt: Wer es ein wenig dynamischer möchte, kann diesen Fahrstil auch im V90 Cross Country pflegen. Ein Kurvenräuber wird er deshalb aber nicht mehr werden.

Fazit

Was uns aber trotzdem nicht davon abhält, dem Volvo zum Schluss den Prädikatsstempel aufzudrücken. Denn das, wofür er gebaut wird, macht er vortrefflich. Für die Langstrecke, die weite Reise in den Urlaub mit mehreren Personen, aber auch für den alltäglichen Pendelstress gibt es kaum ein geeigneteres Auto. Der V90 Cross Country ist mehr als geräumig, bietet allen Passagieren viel Komfort und verträgt auch den in der Werbung so beliebten Schotterweg zum Ferienhaus. Die Motorisierung ist nicht die unsere, ein Achtzylinder wäre toll, wird aber ein endloser Traum bleiben, der verbrauchstechnisch gar nicht viel schlechter dastehen würde: Unser T5 benötigte im Mittel zehn Liter Super auf 100 Kilometer, was nicht besonders wenig, aber auch nicht besonders viel ist. Seinen Preis hat das Ganze natürlich auch – der Testwagen kostete (bei einem Grundpreis von 62.500 Euro) erschreckende 82.960 Euro. Ob er das wert ist? Das muss jeder selbst entscheiden.

Technische Daten*

Modell: Volvo V90 Cross Country T5 AWD PRO
Motor: Vierzylinder-Reihe, 1.969 ccm
Leistung: 250 PS (184 kW) bei 5.500 U/min
Drehmoment: 350 Nm zwischen 1.800 bis 4.800 U/min
Antrieb: Allradantrieb, Achtgang-Automatikgetriebe
Verbrauch (WLTP): 7,6 l S 100/100 Km
Beschleunigung (0 – 100 Km/h): 7,4 s
Höchstgeschwindigkeit: 230 Km/h
Abmessungen (L/B/H): 4,94 m/1,88 m/1,48 m
Gewicht: 1.970 Kg
Grundpreis: 62.500 Euro
Typklassen (HP/VK/TK): 16/26/21

*Herstellerangaben