Driven: Audi RS6 R von MTM

Wenn die Tachonadel rund 400 Meter nach Ende des Beschleunigungsstreifens die 260 passiert und unaufhaltsam weiter stürmt, dann ist klar: Man sitzt in einem Supersportwagen. Geht es dann allerdings mit vier Personen an Bord und reichlich Gepäck im 565 Liter fassenden Kofferraum hemmungslos weiter bis über Tempo 300, denn muss es ein ganz besonderer Supersportwagen sein. Und tatsächlich, der stramme 730 PS leistende MTM RS6R (785 Nm) ist etwas ganz Besonderes. EVOCARS hat sich das Kombi-Monster von MTM für ein paar Stunden ausgeliehen und auf den Landstraßen rund um Ingolstadt und auf der unbegrenzten A9 die Power ausgelotet.

Schon im Serientrimm brüllt unter der Haube des Audi RS6 ein Fünfliter-V10 mit Bi-Turbo und süchtig machenden 580 PS (650 Nm). Auch mit diesem Tier hatten wir schon das Vergnügen, konnten Avant und Limousine tüchtig auf den Zahn fühlen. Doch was uns im RS6R aus dem Hause MTM erwartete, lässt die geforderten Aufpreise von 8794 Euro (Elektronik, Abgasanlage, Klappensteuerung, Luftfilter) plus Einbau (667 Euro) und V-Max-Aufhebung (1000 Euro) sicher schnell vergessen machen. Zaghaft verlassen wir das MTM-Gelände in Wettstetten und fahren wie an einer unsichtbaren Schnur gezogen Richtung Autobahn.

Auf dem Weg dahin geben wir dem 2,1 Tonnen schweren Kombi immer wieder die Sporen. „Also soo groß ist der Unterschied zum Original aber nicht“, gebe ich noch zu bedenken, da erreichen wir die A9 und ich trete das Pedal zum ersten Mal aufs Blech. Die Sechsgang-Automatik schaltet zügig zwei Gänge zurück, die Vierrohr-Abgasanlage brüllt die Lärmschutzwand an und wir rasen auf den Horizont zu. Fühlte ich im Audi Q7 V12 TDI (500 PS, 1000 Nm) noch wie ein Elefanten-Reiter, überkommen mich jetzt Assoziationen mit dem Ritt auf einem Bison auf Koks. Ohne Kickdown galoppiert er donnernd dahin, berühren sich Pedal und Bodeblech, wirkt die Elektronik-Droge und das Monster erwacht. Beim abrupten Lupfen des Gaspedals ertönt ein erregendes Zischen des überflüssigen Ladedrucks und etwas ruppig wird der RS6R langsamer.

Kam uns im Serien-RS6 die Soundkulisse im Cockpit etwas zurückhaltend vor, kriecht uns im MTM RS6R eine Gänsehaut nach der anderen über die Arme. Die Xenon-Funzeln sind an, die Nebellampen versuchen zusätzlich Raum nach vorne zu schaffen und doch unterschätzen alle das Potenzial des Kombis. Selbst wer sich bis Tempo 250 vor sich herschieben lässt, macht große Augen, wenn wir so vehement vorbeistürmen. 270, 290, 310 … Die Tachonadel rennt, als wenn’s kein Morgen gibt. Der Tacho geht „nur“ bis 320 km/h, die Reifen haben eine Freigabe bis genau dorthin. Anschlag!

Doch es ginge noch weiter. Auf der Hochgeschwindigkeitstrecke in Papenburg wurde der RS6R in dem wir sitzen vor einigen Wochen mit sagenhaften 340 km/h gemessen. Angesichts des Verkehrs unterlassen wir alle Nachahmungsversuche und genießen noch etwas die brutalen Zwischensprints von 250 auf 300. Was die Standard-Beschleunigungen auf Tempo 100 und 200 betrifft macht MTM zwar keine Angaben, aber schon die 702-PS-Version des Tuners schiebt den RS6 in 4,2 Sekunden auf Landstraßentempo (Serie: 4,6 sek.) und in 13,2 Sekunden auf 200 km/h (Serie: 14,9 sek.). Mit den 28 zusätzlichen Pferdchen im RS6R dürfte das noch mal etwas zügiger gehen.

Ganz im Sinne der RS6-Kundschaft belässt MTM die Optik seines Monsters so gut wie unangetastet. Ein paar hauseigene 21-Zoll-Alus (Satz für 3360 Euro) in jeder erdenklichen Farbe, die vierflutige Abgasanlage, eine kleine Spoilerlippe vorne, der Carbon-Diffusor hinten und dezente RS6R-Schriftzüge – fertig ist der schnellste Kombi des Kontinents. Wer will kann noch ein Sportfahrwerk sowie eine Brembo-Bremsanlage ordern. Im Cockpit erinnert (oder ermahnt?) ein kleines MTM-Logo zusätzlich an die unbändige Kraft unter der Haube.

Fazit:
Wer sich einen Audi RS6 gekauft und die 580 Serien-PS genügend „getestet“ hat, der sollte nicht lange über die Modifikation zum RS6R nachdenken. Das Preis-Leistungsverhältnis stimmt (150 PS/10.400 Euro) und wie sagt schon ein altes Sprichwort: „No Tune, No Life!“