Hand aufs Herz: Wer hat keine Vorurteile gegenüber Chiptuning? Es geht auf die Haltbarkeit des Motors, alle weiteren Komponenten im und am Auto werden über Gebühr belastet, jegliche Kulanz des Herstellers geht ebenfalls flöten und so weiter und so fort. Wenn man schon den Weg der „Steuergeräteanpassung“ ginge, dann wenigstens über einen renommierten Tuner, der Software individuell abstimmt, damit der getunte Wagen tatsächlich später besser läuft als vorher und nicht wie der berühmte Sack Nüsse.

Genau hier kommt die Firma RaceChip um die Ecke, haut uns einen kleinen, handtellergroßen Kasten um die Ohren und sagt: „Seht her, wir können das auch. Bieten eine Leistungssteigerung von mindestens 20 Prozent, wenn gewünscht auch eine Garantie und Ihr (Kunden) könnt das Teil sogar selbst einbauen. Und wenn Ihr es nicht mehr wollt, kann es ohne sichtbare Veränderungen im Steuergerät wieder entfernt werden.“

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Nach anfänglicher Skepsis wurde in der Redaktion das Interesse größer. Kann dieses Teil wirklich herkömmliches „Chiptuning“ und damit den Gang zum (meist teureren) Tuner überflüssig werden lassen? Oder ist es nur gutes Marketing? Schnell stand fest: Wir müssen es ausprobieren. Das „Opfer“: Ein Golf VI GTI Edition 35 (235 PS, 300 Newtonmeter Drehmoment laut Hersteller).

Die Arbeitsweise der Box – es gibt drei zur Auswahl mit verschiedenen Leistungsstufen – ist dabei simpel: Geklemmt zwischen Motorsensorik und Motorsteuergerät modifizieren sie die dem Steuergerät übermittelten Werte so, dass diese aus Sicht des (unangetasteten) Steuergeräts nachgeregelt werden müssen. Als Beispiel nehmen wir den Ladedruck: Beträgt dieser in der Serienabstimmung 1,0 bar, so wird dem Steuergerät über den RaceChip ein um 25 Prozent niedrigerer Wert übermittelt. In der Folge regelt das Motormanagement nach und erhöht den Druck um 25 Prozent. Somit liegt unmittelbar danach ein Ladedruck von 1,25 Bar an, was logischerweise eine nicht unbeträchtliche Leistungssteigerung nach sich zieht.

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Doch was sich in der Theorie so einfach und gut anhört, muss in der Praxis nicht immer stimmen. In diversen Foren liest man teils von positiven Berichten, teils jedoch auch von enttäuschten Usern, deren Fahrzeug entweder nicht ordentlich mit der Box funktioniert oder sich zum „Selbstschutz“ gar nicht erst starten lässt. Auch unser Testkandidat zeigte sich nach den ersten „Gehversuchen“ auf dem Rollenprüfstand der Puma Schmiede von dem RaceChip Ultimate (der stärksten Ausbaustufe, Leistungsversprechen für den GTI Edition 35 299 PS und 385 Newtonmeter Drehmoment) nicht allzu angetan. Selbst nach dem Ausnutzen der Einstellmöglichkeiten an der Box selbst zeigte sich am Gasfuß kein beeindruckendes Ergebnis. Von den versprochenen 300 PS und knapp 400 Newtonmetern war wenig zu spüren.

Dazu muss man wissen, dass unser GTI mit prüfstandgemessenen 257 PS und 366 Newtonmetern Drehmoment bereits in der Serie sehr ordentlich im Futter steht. Allerdings sollten das doch gerade beste Voraussetzungen für den RaceChip sein. Nach Justage der Potis auf der Platine konnte dann tatsächlich auch auf dem Prüfstand ein durchaus respektables Ergebnis gemessen werden: Gut 300 PS und 409 Newtonmeter Drehmoment können sich sehen lassen und entsprechen vollends dem, was uns versprochen wurde. Auch die übrigen Parameter – ab hier dürfen auch alle Zweifler wieder lesen –  wie Zündwinkel und Lambdawerte sind in Ordnung.

Schon die erste Messung des Serienfahrzeugs zeigt: Unser Golf GTI Edition 35 steht mit 257 PS und 366 Newtonmetern Drehmoment gut im Futter.

Schon die erste Messung des Serienfahrzeugs zeigt: Unser Golf GTI Edition 35 steht mit 257 PS und 366 Newtonmetern Drehmoment gut im Futter.

Hier das Leistungsdiagramm bei verbauter Box im Auslieferungszustand.

Hier das Leistungsdiagramm bei verbauter Box im Auslieferungszustand.

Nach Justage der Potis auf der Platine konnte dann tatsächlich auch auf dem Prüfstand ein durchaus respektables Ergebnis gemessen werden: Gut 300 PS und 409 Newtonmeter Drehmoment lassen sich sehen.

Nach Justage der Potis auf der Platine konnte dann tatsächlich auch auf dem Prüfstand ein durchaus respektables Ergebnis gemessen werden: Gut 300 PS und 409 Newtonmeter Drehmoment können sich sehen lassen.

Die anschließende Testfahrt zeigt, dass die Drehmomentkurve hält, was sie auf dem Papier verspricht: Geht dem 2.0 TSI im Serienzustand oberhalb von 4.000 U/min so langsam die Luft aus, legt er mit der Box von RaceChip ab 3.500 U/min eine derart große Schippe Power obendrauf, wie man es nicht erwartet hätte. Die Leistungsentfaltung erinnert so an die Turbos vom alten Schlag, bei denen lange wenig und auf einmal sehr viel Power freigegeben wurde. Die Abstimmung ist für diese Verhältnisse jedoch sehr harmonisch, man spürt weder ein Ruckeln oder Unwilligkeiten in hohen Gängen, noch während des eigentlichen Beschleunigens.

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In der bisherigen Testzeit – seit zwei Wochen ist der RaceChip nun im Einsatz – sind auch keine weiteren Probleme aufgetreten. Was aber nicht bedeutet, dass man nach dem Einbau keine weiteren Maßnahmen treffen muss: Auch für einen schwarzen Kasten, der im Motorraum baumelnd die Leistung erhöht, muss eine Eintragung beim TüV erfolgen. RaceChip bietet nach eigenen Angaben für einige Fahrzeuge bereits Teilegutachten an, anderenfalls muss eine Einzelabnahme gemacht werden – ansonsten erlischt die ABE.

Auch auf Garantieansprüche gegenüber dem Hersteller sollte man sich im Zweifelsfall lieber keine Hoffnungen machen. Zwar wird mit dem RaceChip der Datenstand auf dem Steuergerät nicht wie bei „herkömmlichem“ Chiptuning nachvollziehbar beeinflusst. Dennoch können die verfälschten Daten, die das Steuergerät verwertet hat, möglicherweise Rückschlüsse auf eine Tuningbox zulassen. RaceChip selbst gibt teils optional eine Garantie auf viele Motorkomponenten inklusive Turbo für Fahrzeuge bis zu einem Alter von fünf Jahren und bis zu einer Laufleistung von 100.000 Kilometern.

Zu guter Letzt werfen wir einen Blick auf die Kosten: In der größten Ausführung – Ultimate – kostet der RaceChip mindestens 479 Euro. 50 Euro gehen zusätzlich drauf, wenn man sich für die optionale, dreistufige Regelung per Smartphone entscheidet.

Bilder:

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