Driven: Cadillac CTS-V

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Kraft hatten Cadillac-Modelle schon immer im Überfluss, Komfort auch. Auf der Nordschleife waren die Amerikaner bisher allerdings nicht zu hause. Mit 564 PS und einem brillanten Fahrwerk stellt der neue CTS-V jetzt die Dinge auf den Kopf.

Es war eine Sensation, als John Heinricy – Direktor der GM Performance Division – im vergangenen Jahr den neuen Cadillac CTS-V in unter acht Minuten durch die Grüne Hölle jagte. Zur Unterstützung der Glaubwürdigkeit schickte die Presseabteilung direkt ein ungeschnittenes Onboard-Video der schnellen Runde mit. Die Fachpresse staunte, die Konkurrenz ebenfalls. Dabei ist Geschwindigkeit doch eigentlich relativ. Sind 7:59,32 min. für eine Distanz von 20,832 Kilometern wirklich sensationell? Mitnichten. Ein Proton zum Beispiel schafft diese Strecke in lächerlichen 0.00007 Sekunden. Natürlich handelt es sich hierbei nicht um einen Kleinwagen malaysischer Produktion sondern um den positiven Teil eines Atomkerns. Und im Schweizer Teilchenbeschleuniger CERN gibt es auch keine kniffligen Kurven wie Brünnchen oder Fuchsröhre. Trotzdem, das kleine Proton zeigt, dass es durchaus Dinge gibt, die die erwähnte Distanz bedeutend schneller zurücklegen als der große Cadillac.

Doch in der Fahrzeugklasse des sportlichen Zweitonners ist das amerikanische Powercar konkurrenzlos. Nicht nur, dass es auf der Rennstrecke die Lorbeeren erntet, mit einem Grundpreis von 76.990 Euro ist der CTS-V zudem auch den Gegenwert eines VW Golfes vom günstigsten Wettbewerber entfernt. Mit gleich quadratmeterweise verarbeitetem Maschendraht im Kühlergrill, kantigen Spoilern, mächtigen Kotflügeln und einer dritten Bremsleuchte, die als Heckspoiler fungiert, wahrt der Amerikaner auch optisch die Distanz. Weiße LED-Rückleuchten wird man im Kreis der deutschen Oberklasse denn wohl auch eher selten antreffen.

Doch zum Glück zählen auch die inneren Werte und da macht der Cadillac weniger falsch, als es ihm die Vorurteile zutrauen würden. Es ist alles da, was der komfortverwöhnte Europäer wünscht, wenn auch die gestalterische Liebe zum Detail nicht unbedingt grenzenlos zu sein schien. Doch angesichts der perfekt passenden Recaro-Sitze, des punktgenauen Arrangements von Lenkrad und Schalthebel und deren Ausführung in Alcantara sehen wir über solche Kleinigkeiten gerne hinweg.

Der Schalthebel hat das erwähnte Plus an Kontrolle auch bitter nötig, denn die Bedienkräfte der manuellen Kraftübertragung sind hoch. Einerseits ist das bei der zur Verfügung stehenden 6,2-Liter-Kompressor-Gewalt nicht verwunderlich, andererseits passt die Hemdsärmeligkeit zum kantigen CTS-V. Die angegebene Beschleunigung von 4,4 Sekunden auf Landstraßentempo erreicht man deshalb nur nach einiger Übung. Denn entweder der CTS-V bockt und rumpelt unwillig von der Stelle wenn der Gaseinsatz zu zaghaft und die stramme Kupplung zu unbarmherzig kommt, oder er lässt seine Hinterreifen geradewegs in Rauch aufgehen ohne sich auch nur einen Zentimeter nach vorne zu bewegen. Das ist zwar überaus spektakulär anzuschauen, für die Stoppuhr jedoch wertlos.

Es bedarf also eines gewissen Fahrgefühls um die Kraft des aus der Corvette ZR1 entliehenen V8 auf die Straße zu bringen. Mit 564 PS und 747 Newtonmeter steht das Triebwerk auch im Cadillac noch sehr gut im Futter. Obwohl es auf ZR1-Feinheiten wie Trockensumpfschmierung und den extragroßen Lader verzichten musste. Bei der Entwicklung des CTS-V ging es mehr um Homogenität als um Spitzenleistung und so fährt sich der Motor dann auch: Der „Ins-Kreuz-Antritt“ bleibt aus, stattdessen beschleunigt der Cadillac über die gesamte Drehzahlspanne mächtig, legt beinahe linear an Kraft zu und wird währenddessen nicht einmal ungebührlich laut. Selbst von der Kompressor-Zwangsbeatmung ist praktisch nichts zu hören. Das der CTS-V am Ende unfassbar schnell ist, beweisen nicht nur die Papierwerte, sondern auch der Digitaltacho, der dem Cadillac im sechsten Gang bei weniger als 6000 Umdrehungen stolze 320 km/h bescheinigt.

Doch der CTS-V kann deutlich mehr als nur schnell geradeausfahren. Nachdem man die richtigen Knöpfe gedrückt und damit das adaptive MagneticRide-Fahrwerk verschärft und den Sicherheits-Anker der StabilityTrak gelockert hat, zeigt sich der große Cadillac von seiner besten Seite.

Die Lenkung agiert zwar für ein Fahrzeug mit immerhin 1942 Kilogramm Leermasse eine Spur zu leichtgängig, trotzdem lässt sich der CTS-V damit treffsicher durch alle Kurven zirkeln. Und zirkeln ist in der Tat das richtige Verb für diese Art von Fortbewegung. Dem Fahrwerk ist jede Spur von Eigenleben und Unberechenbarkeit fremd, mit stoischer Gelassenheit erträgt es jede Eingabe des Fahrers ohne dabei in irgendeiner Form ausfallend zu werden. Die Vorderachse folgt jedem Lenkbefehl, und sei er noch so harsch, übermütig und unverzüglich. Untersteuern gibt es nicht. Was aber bei einem Hecktriebler dieser Leistungs- und Gewichtsklasse noch viel bemerkenswerter ist: Übersteuern auch nicht. Egal wie stark der Lenkimpuls auch ist, das Heck folgt der agilen Vorderachse auf Schritt und Tritt. Und sollte man doch auf Grund mangelhafter Motorik einen Fahrfehler begangen haben, dann gibt der CTS-V nicht nur Zeit diesen wieder zu korrigieren, sondern vor allem auch die Möglichkeit dazu. Der Cadillac ist ein ehrliches Auto. Er suggeriert weder übertriebene Sportlichkeit, noch hüllt er den Fahrer in eine Wolke aus Fahrkomfort.

Trotzdem muss sich der CTS-V mit einer Achillesferse herumplagen: dem Alltagsgebrauch. Denn während ein Cadillac normalerweise ein luxuriöser Gleiter ist, markiert das V-Modell den echten Racer. Es ist schnell und effektiv, lässt den Fahrer nie wirklich los und gibt ihm keine Möglichkeit des Zurückziehens. Der schnelle CTS-V fordert seine Insassen unablässig. Natürlich ist er toll ausgestattet, bietet bequeme, gekühlte Sitze, Bose-Sound mit iPod-Anschluß und eine gute Geräuschdämmung. Doch das Getriebe fordert viel Aufmerksamkeit und das Fahrwerk bleibt stets ausgesprochen mitteilsam. Dem Cadillac fehlt ein bisschen das zweite Gesicht, die komfortable Seite. Er ist der Schnellste unter den Business-Saloons. Aber gerade deshalb nicht der Beste.

Technische Daten
Modell: Cadillac CTS-V Limousine
Motor: V8-Benziner, 6162 ccm
Leistung: 564 PS bei 6100 U/min
Drehmoment: 735 Nm bei 3800 U/min
Antrieb: Heck, Sechsgang, manuell
Verbrauch: 15,3 l /100 Km Super+
0-100 km/h: 4,4 sek.
Vmax: 308 km/h
Preis: ab 76.990 Euro

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