Es war noch die Zeit der ewigen Fehde unter den beiden Italienern Ferrucio und Enzo. Beide wollten vor allem das ultimative Supercar für die Straße der Sechziger und Siebziger bauen. Der Eine kam aus dem Traktorenbau, der Andere aus dem Rennsport. Nachdem Ferrucio Lamborghini mit dem Miura im Jahre 1966 vorgelegt hatte, konnte man das in Maranello nicht auf sich sitzen lassen. Man erkannte jedoch die Schwäche des Miura an der Vorderachse, die durch seinen mittig angeordneten V12 bei hohen Geschwindigkeiten extrem leicht wurde. Außerdem war Enzo ohnehin kein Liebhaber von Mittelmotor-Fahrzeugen und setzte den Zwölfzylinder erneut knapp hinter die Vorderräder.

Bild: RM Sotheby’s / Patrick Ernzen

Nun brauchte man lediglich noch jemanden, der die Karosserie um den 4,4-Liter-V12 entwarf. Und natürlich ging man zu Sergio Pininfarina, der für die unvergleichliche Form und die alles überragende Schönheit nur sieben Tage benötigte. Auch die Bezeichnung war schnell gefunden: als Nachfolger des 275 GTB/4 war die Größe eines einzelnen Zylinders von 365 Kubikzentimetern abermals der Namensgeber. GTB stand wie gewohnt für „Gran Turismo Berlinetta“, der Zusatz „/4“ für vier obenliegende Nockenwellen. Interessant dabei: die Bezeichnung „Daytona“ war von Ferrari weder geplant, noch jemals offiziell für das Auto vorgesehen. Stattdessen wurde es von italienischen Journalisten noch vor seiner Premiere getauft. Hintergrund soll der triumphale Dreifach-Sieg beim 24-Stunden-Rennen von Daytona im Jahre 1967 gewesen sein.

Bild: RM Sotheby’s / Patrick Ernzen

Während seiner vierjährigen Bauzeit wurde der Daytona eines der beliebtesten Autos von Playboys, Filmstars und dem gesamten Jet Set. Zwar bekam er seinen Rufnamen nach einer Rennstrecke in Amerika, faktisch jedoch trägt er alle Gene eines europäischen Supercars. Ein fantastisches Aussehen, ein starker Motor, ausreichend Platz für die schnelle Reise durch Mitteleuropa und natürlich: seine italienische Herkunft. Außerdem sorgten 352 PS und rund 450 Newtonmeter für mehr als gute Fahrleistungen, die selbst heute noch beachtenswert sind: von 0 auf 100 Km/h beschleunigte der 365 GTB/4 in lediglich 5,4 Sekunden, die Höchstgeschwindigkeit betrug 280 Km/h. Was nicht zuletzt am geringen Gewicht lag. Zwar war die Karosserie weitgehend aus Stahl, viele nicht sichtbare Teile bestanden jedoch schon damals aus dem leichten Werkstoff GFK, sodass man das Gewicht auf etwas über 1,5 Tonnen senken konnte.

Bild: RM Sotheby’s / Patrick Ernzen

Ein markantes Merkmal des 365 GTB/4 sind seine Klappscheinwerfer. Fahrzeuge mit dieser Art Scheinwerfer stellen die Mehrzahl der 1.284 je gebauten Daytona dar, da sie bereits ein halbes Jahr nach der Markteinführung für sämtliche Modelle eingeführt wurden. Zuvor prägte ein sehr charakterstarkes und außergewöhnliches Band aus Plexiglas über die gesamte Front die Erscheinung des Frontmotor-Sportwagens, doch aufgrund gesetzlicher Bestimmungen in den USA durfte dort kein Daytona mit diesem Plexiglasband verkauft werden. Heute erzielen vor allem diese seltenen Versionen Rekordpreise auf Auktionen und in Verkaufsbörsen. Doch einen weiteren Rekord durfte der 365 GTB/4 bereits nach dem Ende seiner Bauzeit anhaften: er sollte für lange Zeit der letzte zweisitzige Ferrari mit einem V12-Frontmotor sein, wieder eingeführt wurde es erst wieder mit dem 550 Maranello im Jahre 1996. Da sollte Ferrucio die Schlacht um das beste Konzept doch tatsächlich für einige Zeit gewonnen haben.

Bild: RM Sotheby’s / Patrick Ernzen

Das hier gezeigte Fahrzeug wurde in die USA erstausgeliefert, war ursprünglich in Rosso Ferrari lackiert und trug ein beigefarbenes Interieur. Erst in den späten Achtzigern und nach einigen Besitzerwechseln wurde es in „Fly Yellow“ umlackiert und auch das Interieur erhielt im Rahmen einer Vollrestauration eine Umsattelung in schwarzes Leder. Am 11. März dieses Jahres wurde es auf Amelia Island von RM Sotheby’s für 660.000 US-Dollar (etwa 591.000 Euro) versteigert.

Bildquelle: RM Sotheby’s / Patrick Ernzen

Um ein wenig in der Zeit des 365 GTB/4 „Daytona“ zu bleiben, wir haben da auch noch:
70 Jahre Ferrari, Teil 2: 250 GT Berlinetta Lusso
70 Jahre Ferrari, Teil 4: 330 GT 2+2
70 Jahre Ferrari, Teil 6: 275 GTB

Für die Verfechter von Mittelmotor-Ferraris bieten wir natürlich auch etwas:
70 Jahre Ferrari, Teil 9: 512 BBi
70 Jahre Ferrari, Teil 3: Testarossa „Monospecchio“
70 Jahre Ferrari, Teil 7: der F50

Wer sich lieber am V8-Getöse laben möchte:
70 Jahre Ferrari, Teil 1: der F40
70 Jahre Ferrari, Teil 8: 328 GTS
70 Jahre Ferrari, Teil 10: 360 Challenge Stradale
70 Jahre Ferrari, Teil 11: Scuderia Spider 16M

Der „Superamerica“ gehört auch eher zur Gattung „Playboys-Car“:
70 Jahre Ferrari, Teil 5: 575 Superamerica

Und der 456 zur Familie der formschönen Viersitzer:
70 Jahre Ferrari, Teil 13: 456M GTA

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