Im ersten Moment, und dazu stehen wir auch in der Redaktion, sieht ein Porsche 718 Cayman GTS in Miami Blau mehr nach einem Spielzeug, als nach einem waschechten Sportwagen aus. Das böse Wort des „Hausfrauenporsches“ kommt über unsere Lippen, wobei der aktuelle Cayman nicht im Geringsten etwas mit den frühen 924 oder 944 zu tun hat. Dennoch: Es halten sich die hartnäckigen Vorurteile, gerade im Elfer-Lager, dass so ein 718 nur ein Gerät für den Einsteiger sei. Für jemanden, der sich vielleicht keinen „richtigen“ 911 leisten kann. Papperlapapp!

Fahrdynamisch kann es der Kleinste durchaus mit den ganz großen Kalibern im Sportwagen-Programm der Zuffenhausener aufnehmen. Vor allem, wenn es sich dabei um die derzeit schärfste Variante 718 Cayman GTS mit 365 PS handelt. Es gibt ihn auch als offenen 718 Boxster (GTS), doch das Stoffhäubchen bleibt für unsere Ausfahrt ins bergige Südtirol daheim. Bei diesen Panoramen und dem unverschämt schönen Wetter in den ersten Tagen des Oktobers 2018 haben wir den Boxster beinahe vermisst – allerdings kann es zu dieser Jahreszeit um Meran auch schon anders, Cabrio-unfreundlicher, aussehen.

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Als Ausgangspunkt für unseren Roadtrip durchs Südtiroler Bergland dient einmal mehr das Vier Sterne Superior Hotel Hanswirt in Rabland. Ideal zwischen einigen der schönsten Passstraßen Norditaliens gelegen, hat man hier die Gelegenheit seine Touren, die möglichst vor dem Tagesverkehr früh am Morgen starten sollten, ausgiebig zu planen. Am Nachmittag heißt es dann: Entspannen am Pool und das Erlebte in angenehmer Atmosphäre und bei einem Glas Lugana Revue passieren lassen. Doch bevor es soweit ist liegt noch ein Stück Lenkarbeit vor uns. Hinein in die tiefen Schluchten der Ortler-Alpen hat sich der 2,5-Liter große Boxer-Mittelmotor in unserem Cayman GTS gerade warmgelaufen, da beginnt der Anstieg zu einer der wohl herausragendsten Straßen im Alpenraum.

Das Stilfserjoch, oder auch Passo dello Stelvio, ist die zweithöchste Passstraße Europas und verbindet Südtirol mit der Lombardei. Durch 48 Kehren schlängelt sich der Asphalt auf der südtiroler Seite gen Himmel – der Cayman GTS befindet sich in seinem Element! Wir drehen den Mode-Schalter am Lenkrad auf Sport+, versetzen das PSM ebenfalls in Sport und schalten uns durch die Gassen eines der wohl besten Handschaltgetriebe unserer Zeit. Der hinter uns sitzende 4-Zylinder-Singleturbo mit variabler Turbinengeometrie benötigt dabei immer etwas mehr Drehzahl um an spitzen Biegungen nicht zu verhungern. Runter vom dritten, über den zweiten in den ersten Gang, hinein in die Kehre und mit einem beherzten Gasstoß leicht quer in die nächste Gerade. Dabei knallt der Zweifünfer rauf auf 7.100 U/min, der Begrenzer setzt dem Treiben gar erst bei 7.500 U/min ein spätes Ende. Kurzum: Es ist ein wahres Drehzahlfest!

Der Porsche Cayman GTS gehört zu den wohl feinfühligsten Sportgeräten die man sich derzeit in Zuffenhausen bestellen kann und lässt mitunter so manchen Elfer am Berg links bzw. hinter sich liegen. Die Gewichtsverteilung: perfekt. Das Fahrwerk: äußerst ausgewogen und selbst im Sport-Modus nicht zu hart. Die Lenkung: mit viel Rückmeldung und herrlich direkt. Man möge dem Vierzylinder seine etwas rauen Sitten verzeihen, bleibt so ein Sechszylinder-Boxermotor eben das Maß der Dinge. Klanglich knallt, faucht und ploppt sich der GTS dennoch das Stilfserjoch hinauf. Sehr frech, sehr eigen. Der Vorgänger, noch mit freiatmendem Sechszylinder-Werk, war da zwar stimmgewaltiger, doch leise ist auch der aktuelle GTS beileibe nicht.

An der schieren Leistung haben wir hingegen nichts zu kritteln. Diese ist stets im angenehmen Überfluss vorhanden und schnell lernt man zwischen 1.900 und 5.500 U/min auf der 420 Nm großen Drehmomentwelle zu surfen. Dabei fühlen sich die 365 PS im Cayman GTS nach 100 PS mehr in einem Elfer an und auch abseits der großen Berglandschaften schafft es der 718 GTS zu begeistern. Aus dem Stand geht es in 4,6 Sekunden auf Landstraßentempo, die Höchstgeschwindigkeit liegt bei 290 km/h. Diese erreicht der kleine Flitzer ohne Müh und ohne Not und gar so leichtfüßig, dass man glaubt hier geht noch mehr. Der Porsche im knalligen Miami Blau, er ist kein Auto für schüchterne Zeitgenossen. Im Gegensatz zu vielen anderen auffälligen Sportwagen unserer Zeit hält er jedoch, was sein schriller Auftritt verspricht. Und so erntet der Cayman GTS bei unserer Rückreise aus Italien, nicht nur bei den Grenzbeamten zwischen Österreich und Deutschland, viele nach oben gereckte Daumen.

Zum hippen Außenauftritt des 718 Cayman passt auch dessen Interieur: Gegen Aufgeld gibt es 18-Wege-Komfortsitze mit ordentlich Seitenhalt am Berg und sehr viel Langstreckenkomfort auf der Autobahn. Die Carboneinlagen wirken gewohnt hochwertig und was nicht mit Leder bezogen ist wurde mit griffigem Alcantara ausgestattet. Uns gefällt zudem wie es Porsche verstanden hat, die analoge und die digitale Welt im Innenraum des 718 zu vereinen. Das Lenkrad kommt ohne störende Knöpfe aus, Geschwindigkeit und Drehzahl werden analog angezeigt und die Multifunktionsanzeige im Kombiinstrument arbeitet noch in aufgehübschter Mäusekino-Manier, zeigt im Bedarfsfall aber auch die Straßenkarte oder Abbiegeinformationen an.

Die mittlerweile vertraute Navigationseinheit im 718 überzeugt uns mit ihrer Einfachheit und der Tatsache, dass es immer noch echte Knöpfe und Drehregler gibt. Diese haben, wie auch die Hebel für Blinker und Scheibenwischer, einen satten Druckpunkt und wirken noch aus dem Vollen geschnitzt. Alle fahrrelevanten Einstellungen sind nicht in Untermenüs versteckt, sondern klar um den Wählhebel als Schalter positioniert. Kritik im Innenraum? Vielleicht an der Klimaanlage, die manches Mal etwas anders arbeitet als man das gerne hätte und eher umständlich zu erreichen ist. Gewaltig sind hingegen die 425 Liter Stauraum des 718 Cayman. Sie erlauben es sowohl vorne als auch hinten Koffer, Taschen oder andere Utensilien zu verstauen. So viel Platz für Gepäck bietet kaum ein Sportwagen und selbst in einem Audi A3 hat man, ohne umgelegte Rücksitzbank, nicht mehr Volumen zur Verfügung.

Fazit

Nach 2.000 Kilometern im Porsche 718 Cayman GTS hadern wir mit unserem Testurteil. Nicht, weil wir an den hohen Qualitäten des Cayman zweifeln, sondern weil er gar so gut ist, dass wir ihn in manchen Bereichen – und hier beginnt die Majestätsbeleidigung – klar vor einem Porsche 911 sehen. Seine Längs- und Querdynamik, insbesondere auf engen Bergstraßen, ist gewaltig. Sein 4-Zylinder-Turbomotor hängt giftig am Gas, dreht bis in höchste Sphären und weiß sogar klanglich zu gefallen. Natürlich: Die Sechszylinder-Fraktion wird jetzt die Nase rümpfen, aber zum Charakter eines quirligen 718 passt durchaus ein frecher 4-Zylinder. Und für alle anderen: Der Cayman GT4 steht schon in den Startlöchern.

Technische Daten*

Modell: Porsche 718 Cayman GTS
Motor: Vierzylinder-Boxer-Turbo, 2.497 ccm
Leistung: 365 PS (269 kW) bei 6.500 U/min
Drehmoment: 420 Nm zwischen 1.900 und 5.500 U/min
Antrieb: Hinterradantrieb, 6-Gang-Schaltgetriebe
Testverbrauch: 10,7l SP/100 Km
Beschleunigung (0 – 100 Km/h): 4,6 s (ausstattungsabhängig)
Höchstgeschwindigkeit: 290 km/h
Abmessungen (L/B/H): 4,39 m/1,80 m/1,29 m
Gewicht DIN: 1.375 Kg
Grundpreis: 76.137,00 Euro
Testwagenpreis: 96.265,85 Euro

*Herstellerangaben

Bilder: Patrick Schwienbacher, Lydia Sölva, Thomas Vogelhuber

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