Wir hätten ja jede Farbe genommen. Im Zweifel auch Pink mit aufgeklebten Einhörnern. Aber die Stuttgarter-Presseabteilung meinte es gut mit uns und schickte ausgerechnet einen waschmaschinenweißen G. Und auch wenn wir die schwarz-schwarz-schwarz-schwarzen G mit AMG-Zierrat, die hierzulande sehr häufig und bevorzugt in Innenstädten vorkommen, kaum leiden können können: so einer wäre uns allemal lieber gewesen. Denn ausgerechnet Weiß, diese Modefarbe, am besten noch mit Metallic-Glitzer gemixt, passt einfach überhaupt nicht zum G. Der ist schließlich alles, aber herrje nicht modisch!

Das G-Modell. Schließlich ein Relikt aus den Siebzigern, dessen Idee paradoxerweise eigentlich auf einen Iraner zurückgeht, der für Grenzpatrouillen und die Jagd unbedingt einen Geländewagen mit dem Stern im Kühlergrill haben wollte. Kosten spielten keine Rolle, er hielt ja schon einen Teil der Daimler-Aktien. Das war für die Damen und Herren aus Stuttgart zumindest Anlass, Gespräche mit Steyr-Daimler-Puch für eine gemeinsame Produktion eines langlebigen, robusten und auch für schweres Gelände tauglichen Wagens anzuleiern. Was dabei herauskam, ist bekannt. Heute noch wird der G – teils in Handarbeit – bei (mittlerweile) Magna Steyr in Graz produziert.

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Vor uns steht ein – ziemlich weißer, wir erinnern uns – G 350 d, Modelljahr 2017. Er hatte also knappe 40 Jahre Zeit zu reifen – wobei: nimmt man es genau, ist der heute von der Zivilbevölkerung nur noch orderbare W463 erst 1992 als luxuriöse Variante des W460 eingeführt worden. Doch die paar Jährchen mehr oder weniger sind eigentlich auch egal. Auf die inneren Werte kommt es an. Wir entern also über das Trittbrett – ein Detail, das beim G tatsächlich sinnvoll ist und nicht nur Pseudo-Offroadoptik suggerieren soll – den Innenraum und erneut hat Daimler es gut mit uns gemeint. Im positiven Sinne: Unser Testwagen ist mit allem vollgestopft, was auf der Aufpreisliste Rang und Namen hat. Designo-Vollleder, Rear Seat Entertainment, Soundsystem und Sitzbelüftung, um nur ein paar Details zu nennen.

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Da stellt sich dem geneigten Betrachter schonmal die Frage, ob durch eine derartige Luxusausstattung nicht die ursprüngliche Idee des G-Modells kannibalisiert wird. Ein puristisches Arbeitstier war der W463 jedoch ohnehin noch nie, kombinierte bereits in seinem Erscheinungsjahr auf überraschend gekonnte und zugleich sympathische Weise luxuriöse Accessoires mit dem handfesten Militärcharme des Urmodells. Und schaffte es so in die erlauchten Kreise, die zuvor nur Range Rover fuhren. Doch der G wurde schick. Ein besserer Defender und ein etwas anderer Range Rover.

Wer noch nie oder lange nicht mehr in einem G gesessen hat, dürfte sich dennoch beim ersten Entern des Führerhauses etwas erschrecken. Erschrecken über die steile, extrem nah am Fahrer stehende Frontscheibe, über die intime Enge im Innenraum, über die Sitzposition, die etwas an einen Trecker erinnert. Und gleichzeitig dürfte er staunen, staunen über die perfekte Übersicht, die sich feilbietet, weil – ja, weil der G eben so ist, wie er ist. Eckig. Kubisch. Geradlinig. Ruhig. Letzteres zumindest dann, wenn man es geschafft hat, die Türen zuzureißen. Soft Close? Soft was?

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Nein, soft ist der G nicht, wie sich noch herausstellen wird. Und Du darfst auch nicht unbedingt ein Softie sein, um ihn zu fahren, das fängt schon bei der Sitzeinstellung an. Die zigfach verstellbaren Komfortsitze sind zwar verdammt bequem, doch wer über Einsneunzig groß ist, flucht zu Anfang über die zu knappe Längsverstellung. Aber er lernt schnell: Du musst Dich an den G anpassen. Nicht umgekehrt. Du musst auch viel mehr als in Deinem Golf Sieben am schwergängigen Lenkrad drehen, um aus der Parklücke herauszukommen. Immerhin ist der Wendekreis Mercedes-typisch noch relativ klein ausgefallen.

Doch sobald die Fuhre einmal rollt, sind diese Nebensächlichkeiten ohnehin vergessen. Bärig ziehen die 600 Newtonmeter das Zweieinhalbtonnen-Schiff aus dem Drehzahlkeller, die Übersicht auf SUV mit ihren lächerlichen Niederquerschnittsreifen, die bereits vor dem Bordstein der Rewe-Einfahrt kapitulieren, ist perfekt. Vorne grüßen die beiden Blinker und kündigen das Ende der G-Nase an, hinten beschert das Reserverad einen gewissen Sicherheitspuffer. Nur für alle Fälle, versteht sich.

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Und so gondelt man mit einer Gelassenheit, die ihresgleichen sucht, durch die Landschaft. Tempo 110 auf der Autobahn reicht völlig aus, die sehr gut arbeitende Distronic Plus verrichtet ihren Dienst ohne Probleme, die wohlklingende Soundanlage aus dem Hause Harman Kardon beschallt die Insassen vorzüglich, sofern sich diese nicht mit den Bluetooth-Kopfhörern ins Fernsehzimmer eine Reihe weiter hinten verzogen haben. Mit jedem Detail entschleunigt das G-Modell ein bisschen mehr.

Dabei vergisst man beinahe, dass man eigentlich immer noch in einem Ex-Militärfahrzeug sitzt. Denn über zwanzig Jahre Entwicklung gehen auch an einem W463 nicht spurlos vorbei. Gerade das Fahrwerk hat einen gewaltigen Sprung nach vorne gemacht, federt zwar noch lange nicht sänftenartig, aber absolut akzeptabel. Auch die Seitenneigung in Kurven hat sich spürbar verringert, selbst schneller gefahrene Abfahrten oder, falls es doch mal pressiert, höhere Autobahngeschwindigkeiten verlieren ihren Schrecken.

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Doch wieder drängte sich diese Frage in den Vordergrund: wie gut ist der G-Wagen noch im G-lände? Und rächen sich dort die eben genannten Verbesserungen, die auch Mutti dabei helfen, die Kids jeden Morgen im G zur Schule zu fahren? Vorweg: die Antwort lautet Nein.

Ortswechsel. Ein etwas höherer Berg im Taunus, das klassische Revier für Leute in Radlerhosen und zu Unzeiten auch für Testfahrer der Autoindustrie. Doch beide Besuchergruppen nehmen in der Regel die breit ausgebaute, perfekt asphaltierte Straße bis rauf auf den Gipfel, wir werden diese heute nicht benutzen. Stattdessen schlagen wir uns ins Unterholz, wollen wissen, was geht: mit dem G.

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Und es geht viel. Verdammt viel. Mühelos kraxelt er auf jede steil scheinende Anhöhe, zermürbt vormals stabil aussehende Baumstämme einfach mit seinem kolossalen Gewicht von 2,6 Tonnen, hängt sich bis knapp 40 Grad im Winkel in die Seile, nur um sich danach durch die nächste Matschgrube zu wühlen. Und wenn Du vor Angst, gleich nicht mehr weiter zu kommen, lieber mal ne Sperre zuschaltest, tippt sich der G an seine virtuelle Stirn und scheint Dir „ist das wirklich alles?“ zuzurufen. Im Gelände wirft er sein weißes Kleid ab, Du vergisst die sauteure Designo-Ausstattung, vergisst den Grundpreis von rund 90.000 Euro, wirst eins mit dem Auto. Am Ende scheitert es allenfalls an Deinem Mut, noch weiter zu fahren. Es scheitert definitiv nicht am G. Der macht nämlich nicht den Eindruck, als würde ihn irgendetwas auf dieser Welt beeindrucken. Selbst auf härtestem Untergrund klappert nichts, in jedem Bauteil steckt eine unvergleichliche Sorgfalt und Stabilität, dass so manchem wirklich die Spucke wegbleiben.

Und so bleibt tatsächlich nur noch eine Frage offen: investiert man die gerade frisch von Oma vermachte rund sechsstellige Summe in ein Automobil, das einen den Rest seines Lebens begleiten wird oder lieber in die Anzahlung einer Immobilie? Die Antwort kann klarer nicht ausfallen: im G kann man auch schlafen, mit einer Wohnung aber nicht wegfahren. So einfach kann das Leben sein.

Technische Daten*

ModellMercedes-Benz G 350 d
Motor: Sechszylinder-V-Motor, 2.987 ccm
Leistung: 245 PS (180 kW) bei 3.600 U/min
Drehmoment: 600 Nm zwischen 1.600 und 2.400 U/min
Antrieb: Allradantrieb, Siebengang-Automatikgetriebe
Verbrauch (ECE): 9,9 l Diesel/100 Km
Beschleunigung (0 – 100 Km/h): 8,8 s
Höchstgeschwindigkeit: 192 Km/h
Abmessungen (L/B/H): 4,66 m/1,87 m/1,95 m
Gewicht: 2.608 Kg
Grundpreis: 90.636 Euro
Typklassen (HP/VK/TK): 23/27/28

*Herstellerangaben