Concours of Elegance: Motorsportgeschichte vor königlicher Kulisse

Wo einst englische Könige durch die Gartenanlagen von Hampton Court Palace spazierten, standen für drei Tage einige der bedeutendsten Automobile ihrer jeweiligen Epoche. Der Concours of Elegance verwandelte den Fountain Garden im Südwesten Londons in eine exklusive Bühne für historische Rennwagen, seltene Sportwagen und jüngere Modelle mit wachsendem Sammlerwert.

Das Spektrum reichte von einem Humber-Rennwagen aus dem Jahr 1914 über Vorkriegsmodelle von Mercedes-Benz und Bentley bis zu Supersportwagen wie dem Bugatti Veyron und McLaren P1. Rund um die ausgestellten Fahrzeuge ging es allerdings nicht allein um makellose Lackierungen und elegante Karosserien. Viele der Klassiker können auf eine dokumentierte Rennhistorie zurückblicken und stehen zugleich für technische Entwicklungen, die den Automobilbau nachhaltig geprägt haben.

Seit 2017 findet der Concours of Elegance jährlich in dem rund 24 Hektar großen Park von Hampton Court Palace statt. Im Vergleich zu großen britischen Automobilveranstaltungen wie den Events in Goodwood fällt das Treffen bewusst kleiner und exklusiver aus. Statt dicht gefüllter Tribünen und permanentem Motorenlärm prägen gepflegte Rasenflächen, Picknicks und persönliche Gespräche mit Sammlern das Bild.

Gerade diese zurückhaltende Atmosphäre macht den besonderen Reiz der Veranstaltung aus. Die Fahrzeuge stehen nicht anonym hinter Absperrungen, sondern werden von ihren Eigentümern präsentiert und häufig ausführlich erläutert. Dadurch werden aus kostbaren Ausstellungsstücken greifbare Zeugnisse der Automobil- und Motorsportgeschichte.

Mercedes 710 SSK gewinnt den Hauptpreis

Zum besten Fahrzeug der Veranstaltung wurde ein Mercedes 710 SSK aus dem Jahr 1928 gewählt. Das Modell vereint eindrucksvolle Technik mit einer außergewöhnlich gut dokumentierten Rennhistorie.

Unter der langen Motorhaube arbeitet der 7,1 Liter große Reihensechszylinder M06. Ein mechanischer Roots-Kompressor steigert die Leistung auf bis zu 250 PS. Für ein Fahrzeug aus den späten 1920er-Jahren war das ein bemerkenswerter Wert. Der Kompressor konnte vom Fahrer zugeschaltet werden und verlieh dem schweren Sportwagen bei Bedarf zusätzlichen Schub.

Das in Hampton Court ausgezeichnete Exemplar trägt die Fahrgestellnummer 36246. Es wurde ursprünglich nach Argentinien ausgeliefert und dort von Julio Berndt sowie dessen Schwager Carlos Zatuszek im Motorsport eingesetzt. Bereits 1929 starteten beide mit dem Mercedes bei den „500 Meilen von Argentinien“.

Später fuhr Zatuszek den Wagen unter anderem beim Großen Preis von Córdoba und beim argentinischen Herbstpreis. Der SSK blieb bis zum Ende der 1950er-Jahre in Südamerika im aktiven Renneinsatz. Erst danach begann seine zweite Karriere als historisch bedeutendes Sammlerfahrzeug.

Die Wahl zum Best of Show beruhte damit nicht nur auf der imposanten Erscheinung des Mercedes. Seine außergewöhnliche Technik, die lange Einsatzgeschichte und die nachvollziehbare Herkunft machen ihn zu einem der seltenen Klassiker, bei denen Konstruktion und Biografie gleichermaßen überzeugen.

Ein Jahrhundert alter Humber mit moderner Motorentechnik

Zu den ältesten Wettbewerbsfahrzeugen im Schlosspark gehörte der Humber TT von 1914. Der britische Hersteller entwickelte seinerzeit drei Exemplare für die Tourist Trophy auf der Isle of Man. Die Rennwagen entstanden zunächst weitgehend im Verborgenen.

Konstrukteur F. T. Burgess stattete den Humber mit einem für die damalige Zeit ausgesprochen fortschrittlichen Motor aus. Zwei obenliegende Nockenwellen und vier Ventile pro Zylinder waren kurz vor dem Ersten Weltkrieg keineswegs selbstverständlich. Die Technik nahm Merkmale vorweg, die sich im leistungsorientierten Motorenbau erst wesentlich später verbreiteten.

Von den ursprünglich drei gebauten Humber-TT-Rennwagen hat lediglich ein Exemplar überlebt. Der in Hampton Court präsentierte Wagen befindet sich zudem in einem bemerkenswert originalen Zustand. Damit besitzt er nicht nur wegen seines Alters, sondern auch aufgrund seiner Seltenheit und technischen Konstruktion eine herausragende Stellung.

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Bentley und das Drama von Le Mans 1927

Eine ganz andere Motorsportgeschichte erzählt der Bentley 3-Litre Le Mans Team Car von 1927. Das Fahrzeug mit der Chassisnummer ML1501 und dem britischen Kennzeichen YF 2503 wurde gezielt für das 24-Stunden-Rennen von Le Mans vorbereitet.

Am Steuer wechselten sich George Duller und Baron André d’Erlanger ab. Ihre Teilnahme endete jedoch beim berüchtigten White-House-Unfall. In diesem Streckenabschnitt kam es zu einer Massenkarambolage, in die mehrere der favorisierten Rennwagen verwickelt wurden.

Auch weitere Werks-Bentley wurden bei dem Unfall beschädigt. Der von Sammy Davis und Dudley Benjafield gefahrene Wagen konnte das Rennen dennoch fortsetzen und schließlich gewinnen. Dieser Erfolg trug entscheidend dazu bei, Bentleys Ruf als dominierende Langstreckenmarke der späten 1920er-Jahre zu begründen. Bis 1930 folgten weitere Le-Mans-Siege.

Das ausgestellte Fahrzeug gewann das Rennen zwar nicht, ist aber unmittelbar mit einem der dramatischsten Kapitel der frühen Bentley-Geschichte verbunden. Gerade solche belegbaren Ereignisse verleihen einem historischen Rennwagen einen Wert, der weit über seine technischen Daten hinausgeht.

Große Namen unter den Klassensiegern

Neben dem Mercedes 710 SSK ehrte die Jury mehrere Fahrzeuge als Sieger ihrer jeweiligen Klassen. Dazu gehörten ein Alfa Romeo 8C 2900 B, ein Siata 208 CS aus dem Jahr 1953 und ein Aston Martin DB4 GT Zagato.

Der Alfa Romeo 8C 2900 B zählt zu den technisch und gestalterisch bedeutendsten Sportwagen der Vorkriegszeit. Er entstand in einer Epoche, in der Renntechnik und Straßenfahrzeuge noch besonders eng miteinander verbunden waren. Leistung, geringes Gewicht und aerodynamische Karosserien machten die Baureihe zu einem der begehrtesten Automobile ihrer Zeit.

Der deutlich kleinere Siata 208 CS steht dagegen exemplarisch für den italienischen Sportwagenbau der frühen Nachkriegsjahre. Leichte Karosserien, überschaubare Abmessungen und agile Fahreigenschaften waren für solche Fahrzeuge wichtiger als möglichst große Motoren oder luxuriöse Ausstattungen.

Mit dem Aston Martin DB4 GT Zagato rückte schließlich eines der bekanntesten britisch-italienischen Sportwagenprojekte der frühen 1960er-Jahre ins Rampenlicht. Zagato verband die Technik des DB4 GT mit einer leichteren und aerodynamisch optimierten Coupé-Karosserie. Das Ergebnis gehört heute zu den gesuchtesten klassischen Aston-Martin-Modellen.

Die Klassensieger zeigen, wie unterschiedlich Hochleistungsfahrzeuge in den jeweiligen Jahrzehnten interpretiert wurden. Während einige Modelle unmittelbar für den Langstreckensport entwickelt wurden, verbanden andere Motorsporttechnik mit der Eleganz eines straßenzugelassenen Gran Turismo.

Nicht nur Vorkriegsmodelle sind sammelwürdig

Dass automobile Geschichte nicht mit den 1960er-Jahren endet, verdeutlichte die Sonderausstellung „Thirty under 30“. In diesem Bereich standen jüngere Fahrzeuge im Mittelpunkt, die bereits als etablierte Klassiker gelten oder sich gerade erst zu begehrten Sammlerstücken entwickeln.

Zu den ausgestellten Modellen gehörte ein Lamborghini Countach LP 400 S aus dem Jahr 1980. Mit seiner keilförmigen Karosserie und dem kompromisslosen Auftritt prägte der Countach über Jahre das Bild des italienischen Supersportwagens.

Ebenfalls vertreten war ein Monteverdi 375L High Speed. Der seltene Schweizer Gran Turismo kombinierte eine europäische Karosserie mit leistungsstarker Großserientechnik und gehört heute zu den weit weniger bekannten, aber entsprechend raren Exoten seiner Epoche.

Am jüngeren Ende des Spektrums standen der Aston Martin One-77, ein Bugatti Veyron von 2010 und ein McLaren P1 aus dem Jahr 2013. Diese Fahrzeuge sind zwar noch vergleichsweise jung, besitzen aufgrund geringer Stückzahlen, aufwendiger Technik und ihrer Bedeutung für die Entwicklung des modernen Hypercars bereits heute einen festen Platz in bedeutenden Sammlungen.

Auch deutsche Alltags- und Sportmodelle fanden Aufnahme in die Sonderschau. Gezeigt wurden unter anderem ein Alpina C1 2.3 von 1985, ein BMW 316 aus dem Jahr 1981 und ein Mercedes-Benz 500 SEC der Baureihe C126.

Besonders der vergleichsweise bodenständige BMW 316 verdeutlichte, dass nicht ausschließlich Spitzenmodelle oder Supersportwagen erhaltenswert sind. Auch ehemalige Alltagsfahrzeuge können zu Klassikern werden, wenn gut erhaltene Originalexemplare zunehmend aus dem Straßenbild verschwinden.

Herkunft ist wichtiger als reine Leistung

Der Concours of Elegance zeigte zugleich, nach welchen Maßstäben historische Fahrzeuge heute bewertet werden. Motorleistung und Fahrleistungen spielen durchaus eine Rolle, reichen aber nicht aus, um die Bedeutung eines Klassikers zu bestimmen.

Entscheidend sind vor allem die Herkunft, eine lückenlose Dokumentation, der Erhaltungszustand und die Seltenheit. Beim siegreichen Mercedes 710 SSK lässt sich der jahrzehntelange Einsatz in Südamerika nachvollziehen. Der Humber TT wiederum ist das einzig erhaltene Exemplar einer lediglich drei Fahrzeuge umfassenden Rennwagenserie.

Auch bei jüngeren Sammlerautos gelten ähnliche Kriterien. Ein Bugatti Veyron oder McLaren P1 besitzt bereits aufgrund seiner technischen Bedeutung und limitierten Produktion einen besonderen Status. Bei einem BMW 316, Alpina C1 2.3 oder Mercedes 500 SEC können dagegen Originalzustand, nachvollziehbare Laufleistung und eine vollständige Fahrzeughistorie den entscheidenden Unterschied ausmachen.

Restaurierungen müssen dabei nicht grundsätzlich wertmindernd sein. Bei besonders seltenen Fahrzeugen kommt es jedoch darauf an, dass Arbeiten fachgerecht ausgeführt und möglichst viele historische Bestandteile erhalten oder korrekt aufgearbeitet werden. Originalteile und belegbare Unterlagen gewinnen mit zunehmendem Fahrzeugalter zusätzlich an Bedeutung.

Mehr als ein klassischer Schönheitswettbewerb

Der Rahmen von Hampton Court Palace lebt von der Verbindung zwischen Automobildesign, Ingenieurskunst und Geschichte. Ein Concours mag auf den ersten Blick wie ein Wettbewerb um die eleganteste Karosserie und den besten Pflegezustand wirken. Tatsächlich erzählen die ausgezeichneten Fahrzeuge jedoch von Rennstrecken, technischen Experimenten und Entwicklungen, die weit über ihre jeweilige Epoche hinausreichen.

Der Mercedes 710 SSK steht für die enorme Leistungsfähigkeit früher Kompressorfahrzeuge. Der Humber TT belegt, wie fortschrittlich Rennmotoren schon vor dem Ersten Weltkrieg konstruiert sein konnten. Der Bentley 3-Litre erinnert an ein dramatisches Le-Mans-Rennen, während der Aston Martin DB4 GT Zagato den zunehmenden Einfluss von Leichtbau und Aerodynamik dokumentiert.

Gleichzeitig schlägt die Ausstellung „Thirty under 30“ die Brücke zur jüngeren Automobilgeschichte. Sie macht deutlich, dass die Klassiker von morgen nicht zwangsläufig aus der Vorkriegszeit stammen müssen. Auch Fahrzeuge aus den 1980er-Jahren oder moderne Hypercars können bereits heute eine historische Relevanz besitzen.

So wurde der königliche Garten für ein Wochenende zu einem begehbaren Archiv des Automobilbaus – mit Fahrzeugen, deren Geschichten mindestens ebenso faszinierend sind wie ihre Karosserien.

Concours of Elegance in Hampton Court: Fahrzeuge und Daten

  • Veranstaltungsort: Fountain Garden von Hampton Court Palace bei London
  • Parkfläche: rund 24 Hektar
  • Veranstaltungsdauer: drei Tage
  • Austragung in Hampton Court: jährlich seit 2017
  • Best of Show: Mercedes 710 SSK von 1928
  • Motor des Mercedes: 7,1-Liter-Reihensechszylinder M06
  • Aufladung: mechanisch zuschaltbarer Roots-Kompressor
  • Leistung: bis zu 250 PS
  • Fahrgestellnummer: 36246
  • Humber TT von 1914: zwei obenliegende Nockenwellen und vier Ventile pro Zylinder
  • Bentley 3-Litre Le Mans Team Car von 1927: Chassis ML1501, Kennzeichen YF 2503
  • Weitere Klassensieger: Alfa Romeo 8C 2900 B, Siata 208 CS und Aston Martin DB4 GT Zagato
  • Fahrzeuge der Sonderschau „Thirty under 30“: unter anderem Lamborghini Countach LP 400 S, Monteverdi 375L High Speed, Aston Martin One-77, Bugatti Veyron, McLaren P1, Alpina C1 2.3, BMW 316 und Mercedes 500 SEC