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Alfa Romeo Giulia: auf einen Espresso in die Toskana

Italien ist immer ein lohnenswertes Reiseziel. Die Toskana im Speziellen, vor allem zu einer Zeit, in der sie vielleicht noch nicht von Cayennefahrenden Russen, Biertrinkenden Briten oder Liegenreservierenden Deutschen bevölkert wird, kurz: in der Nebensaison. Im Frühjahr, wenn die ersten Sonnenstrahlen und großzügig zweistelligen Lufttemperaturen lediglich die Einheimischen – und dann nur am Wochenende – aus dem Hinterland an die Küsten locken, man das erste Eis des Jahres auf der Strandpromenade in Viareggio genießen kann und sich am Abend besser in den Innenraum eines der wenigen bereits geöffneten Restaurants setzt, weil es dann eben doch recht frisch werden kann: dann ist das das perfekte Ziel für den Kurzurlaub.

Das perfekte Auto zum perfekten Ziel? Italophile kennen da nur eines: ein Alfa Romeo! Er wird auch gern in einem Atemzuge mit den großen Ferrari oder dem letzten Maserati Quattroporte genannt und steht vor allem dann ganz oben auf der Liste, wenn es sich um la nuova Giulia handelt. Dieses Auto fuhr sich bereits mit den ersten Pressebildern in unsere Herzen, bei der Vorstellung der 510 PS-Quadrifoglio Verde noch einmal mehr und – das müssen wir nun feststellen – auch mit der Einführung der Basismodelle, die bereits bei 33.100 Euro und damit deutlich erschwinglicher starten. Unser Testwagen, mit dem wir in den dreitägigen Wochenendtrip starten wollen, macht da keine Ausnahme: Lackierung in Grigio Vesuvio, das Leder Tabacco, 18-Zoll-Felgen stehen dem Auto so perfekt, dass es keinerlei Änderungen benötigen würde, sollte man solcherlei denn jemals vorgehabt haben.

Fürs standesgemäße Herausbeschleunigen aus der Mautstelle bei gleichzeitig ausreichender Reichweite sollte der 2,2-Liter Diesel mit 180 PS sorgen. Der verfügt als Sechsgang-Handschalter über klassenübliche 400 Newtonmeter, während das optionale Achtgang-Automatikgetriebe von ZF sogar deren 450 verwalten darf. Wer noch mehr der italienischen Hengste bändigen möchte, muss zur Giulia Veloce greifen: hier gibt es den Diesel mit 210 oder den Turbobenziner mit 280 PS.

Der Freitag als Anreisetag beginnt angesichts bevorstehender 1.000 Kilometer reiner Fahrstrecke und dem österlichen Ferienverkehr sehr früh, doch an Schlaf ist nicht zu denken. Zu aufregend ist die Vorstellung: Italien in einem Alfa Romeo erkunden! Und welcher Petrolhead hier noch keinen Adrenalinstoß gewürzt mit einer Prise Romantik verpasst bekommt, ist zumindest nach dem Druck auf den Startknopf schnell wach: mit einer ordentlichen Portion Elan rumpelt der aufgeladene Vierzylinder los und nimmt recht vernehmlich und im Vergleich zur Konkurrenz ziemlich ungefiltert seine Arbeit auf. Wir erinnern uns etwas wehleidig an einen – mi dispiace, Sergio – Iveco Daily, legen den ersten Gang ein und fahren los. Für so manch weichgekochten C-Klasse-Fahrer mag das vielleicht etwas zu unkultiviert sein, wobei er sein Urteil nicht zu vorschnell abgeben sollte: bei warmem Motor ist der Diesel zwar immer noch gut hörbar, tönt jedoch weder störend noch brummig sondern allenfalls engagiert. Klar, ein Alfa merkt, wenn es nach Italien geht.

Dass der 2,2-Liter in der gut 1,4 Tonnen schweren Alfalimousine auf der Autobahn in Richtung Basel nicht ganz so druckvoll wie beispielsweise ein 190 PS starker BMW 320d nach vorne geht, ist allerdings ein rein subjektiver Eindruck, der täuscht. Logo, wer den auf der Mittelkonsole platzierten Fahrdynamikschalter auf „a“ wie „advanced efficiency“ stehen hat, erntet die Beschleunigungswerte einer Wanderdüne. Stellt man hingegen auf „d“ wie „dynamic“, wird die Gasannahme so direkt, dass sie im Stadtverkehr schon nahezu zu nervös erscheint, sodass den besten Kompromiss – wie immer – die mittlere Einstellung „n“ darstellt. Dieser schien uns für die zügig gefahrenen deutschen Autobahnen auch als Idealeinstellung, die geringen Verbrauch – wir benötigten im Schnitt 5,8 Liter pro 100 Kilometer – mit ausreichender Spritzigkeit kombinierte.

Nachdem wir die Schweiz mittels Tempomat durchquert haben können wir bereits festhalten: die Italiener haben eine mehr als langstreckentaugliche Kombination mit dem Chassis der neuen Giulia geschaffen: das Fahrwerk federt vollkommen ausgewogen, nimmt sowohl lange als auch kurze Bodenwellen mit Bravour, reagiert auch auf kurze, harte Schläge unheimlich feinfühlig ohne auch nur im geringsten Ansatz Nervosität zu zeigen. Und dass man bei Alfa Fahrwerke kann, beweist die Giulia sodann auf den kurvigen Autobahnetappen zwischen Milano und La Spezia: so stoisch wie kaum ein zweiter zieht der Viertürer seine Bahn, lässt sich von Verwerfungen nicht beeindrucken und schafft trotz Winterreifen bei Temperaturen über 20 Grad Kurvengeschwindigkeiten, die so manchen Großen zurückfallen lassen. Das Fahrwerk der Giulia ist ein großer Wurf. Und da haben wir noch nicht über die Lenkung gesprochen.

Denn diese ist von einer Qualität, wie wir sie ebenfalls noch nicht erlebt haben. Der Alfa reagiert dermaßen direkt auf Lenkbefehle, dass wir noch vor Erreichen unseres Zielortes Lido di Camaiore ein paar Bergstraßen nehmen mussten. Feinfühlig auch um die Mittellage aber trotzdem nicht zu nervös lässt sich die Giulia selbst bei schnellen, langgezogenen Kurven dermaßen genau positionieren, dass es eine wahre Freude ist. Anders als bei vielen Mitbewerbern giert auch der Vorderwagen nicht mehr in die ursprüngliche Richtung, sondern folgt dem Lenkeinschlag ebenso schnell wie die Lenkachse. Dabei lässt sie trotzdem eine gewisse Rückmeldung zu, sodass man – vor allem im Vergleich zu anderen elektromechanischen Systemen – stets weiß, wie die Vorderachse steht. Bravo, Alfa!

Doch hatten wir bei Ankunft in Lido di Camaiore ein beschauliches und verschlafenes Küstenstädtchen erwartet, wurden wir dermaßen eines besseren belehrt! Die Italian Historic Cars Camaiore war in vollem Gange, eine rund 2,5 Kilometer lange Strecke inklusive der Strandpromenade zur Rennstrecke umfunktioniert worden und Liebhaber, Rennfahrer und vollkommen von Benzin verstrahlte Ragazzi gaben 48 Stunden lang Vollgas. Trotz italienischem Auto wollte man uns allerdings nicht auf, sondern nur in die Nähe der Rennstrecke lassen. Doch gegen die aufgemotzten Fiat 600, Lancia Delta und Piaggio Ape (!) hätten wir ohnehin nicht den Hauch einer Chance gehabt.

So schwangen wir uns nach dem Sammeln erster Sinneseindrücke am Samstag und dem obligatorischen Espresso danach noch einmal in unseren Alfa und fanden dabei heraus, dass wir mit unserer Meinung über das Design nicht alleine dastehen: nun ist es zwar in Italien ein ungeschriebenes Gesetz, Alfa zu lieben, doch an beinahe jeder Ecke ein „bellissima!“ zu hören oder hochgereckte Daumen zu sehen, schmeichelt den sonst wenig verwöhnten Ohren und Augen doch ziemlich. Und: es passiert weder mit einem A4, einem Dreier oder einer C-Klasse in nur annähernd ähnlicher Art und Weise.

Muss man dafür Kompromisse eingehen? Die Vermutung liegt nahe, denn Alfa Romeo waren immer schon die schönsten Vertreter ihrer Klasse, konnten dafür objektiv aber selten gegen die teutonisch-sachliche Konkurrenz, die vor allem mit langweiliger Perfektion auftrumpfte, etwas ausrichten. Auf der 1.000 Kilometer langen Rückreise hatten wir genügend Zeit, uns über Kontrapunkte Gedanken zu machen und klar: wenn man dergleichen finden möchte, wird man auch welche finden. Die Xenonlichter mögen in Zeiten von Voll-LED-Matrix-Schischi nicht mehr up-to-date sein, machen ihre Sache aber vollkommen ausreichend und Alfa wird noch in diesem Jahr nachliefern. Auch die Navigationseinheit erinnert zwar in ihrer Bedienlogik an eine Mischung aus BMW und Audi, kommt aber hinsichtlich Darstellung und Ausstattung nicht an die Konkurrenz heran. Die Verarbeitung ließ keine Klagen zu, lediglich die Materialauswahl an Armaturenbrett und Mittelkonsole könnte mit ihrem Mix aus verschiedenen Kunststoffen hochwertiger sein.

Doch braucht man das wirklich? Ist das für das Fahrerlebnis nicht vollkommen unerheblich? Der Alfa lebt nicht von seiner Multimedia-Ausstattung oder einer Armada von Assistenzsystemen, der Alfa lebt von seinem Motor, der allenfalls ein wenig leiser sein könnte, von seinem Fahrwerk, das fantastisch ist, von seiner Lenkung, die fantastisch ist und nicht zuletzt von seiner Optik, die – Sie ahnen es – fantastisch ist. Man könnte auch sagen: es ist der beste Alfa, der seit langer Zeit gebaut worden ist. Ein schöneres Ende für eine traumhafte Italienreise kann es doch nicht geben, oder?

Galerie

Wer noch nicht genug von Bildern der Italian Historic Cars Camaiore 2017 hat:

Technische Daten*

Modell: Alfa Romeo Giulia Super 2.2 Diesel
Motor: Vierzylinder-Reihe, Turbo, 2.143 ccm
Leistung: 180 PS (445 kW) zwischen 6.100 und 6.800 U/min
Drehmoment: 400 Nm bei 1.500 U/min
Antrieb: Hinterradantrieb, Sechsgang-Schaltgetriebe
Verbrauch (ECE): 4,0 l Diesel/100 Km
Beschleunigung (0 – 100 Km/h): 7,2 s
Höchstgeschwindigkeit: 230 Km/h
Abmessungen (L/B/H): 4,64 m/1,86 m/1,44 m
Gewicht: 1.475 Kg
Grundpreis: 37.400 Euro
Typklassen (HP/VK/TK): 20/26/24

*Herstellerangaben