Wow, kann denn das sein? Ist es wirklich schon exakt zehn Jahre her, dass wir einen Opel OPC im evocars-Testwagenfuhrparkt hatten? Man, ist das lange her. Und dennoch blieb der 207 PS starke Corsa OPC in Erinnerung. Natürlich. Denn der kleine Hot Hatch mit seiner Lamellensperre von Drexler, den Recaro-Sitzen und seinem Kampfgewicht von unter 1.300 Kilogramm hat mächtig Laune gemacht und die Konkurrenz recht gut ärgern können. Ihr merkt , die Erwartungen an den geistigen Nachfolger dieses quirligen Rüsselsheimers sind hoch. Sein Name: Opel Corsa GSE.
Die größten Veränderungen im Verhältnis zu seinem Vorfahren liegen natürlich auf der Hand. Die Neuauflage fährt nun voll-elektrisch vor und musste sich in diesem Zuge auch vom OPC-Kürzel trennen. Nun soll die GSE-Nomenklatur die Lücke füllen (Grand Sport Electric).
Galerie: Innenraum des Opel Cosa GSE
Starten wir mit ein paar Fakten, um den Abschied von 1,6-Liter-Turbo und OPC-Schriftzug etwas einzuordnen: Der neue Corsa GSE ist der schnellste und stärkste Corsa aller Zeiten. Außerdem hat er das beste Leistungsgewicht. Mit einem Leergewicht von 1.554 Kg und seinen 281 PS (345 Nm) muss jedes PS nur 5,53 Kg bewegen. Unser Testwagen von 2016 musste 6,25 Kg/PS mit sich herumschleppen. Den Sprint auf Tempo 100 absolviert der GSE in 5,5 Sekunden. Topspeed: Abgeregelte 180 Km/h.
Jetzt noch kurz ein Wort zur Technik: Der Corsa GSE bekam (wie sein Uran) ein Torsen-Lamellen-Sperrdifferenzial an der Vorderachse (max. 38% Sperrwirkung beim Beschleunigen) verpasst, außerdem wurde das Chassis tiefergelegt (25 mm) und an Achsen (vorne 54 mm mehr Spur, hinten 20 mm), Stabis und Stoßdämpfern überarbeitet. Hinzu kommt eine größer dimensionierte Vierkolben-Bremsanlage mit 355mm-Scheiben vorn und 268er Scheiben hinten.
Auch spannend: Motor, Inverter, Batterie, Kabelbaum und weiterer Komponenten kommen baugleich auch im Opel Mokka GSE Rallye zum Einsatz, wurden dort also unter harten Wettkampfbedungen getestet. Zudem liegt die Gewichtsverteilung des Corsa GSE bei ziemlich genau 50zu50.
Weitere Fahrberichte:
- Audi Nuvolari: 1.001 PS und Lamborghini-Technik für 590.000 Euro
- Volvo EX30 Cross Country im Test: Cooler, kleiner Stromer
- Im Test: KIA EV6 AWD GT-line
So, und nachdem wir das haben alles sacken lassen, kann’s dann ja auch endlich mal losgehen. Im ersten Schritt ging’s eine knappe Stunde über öffentliche Straßen, um den Corsa GSE unter Alltagsbedingungen kennen zu lernen. Und was soll ich sagen? Der Kleine macht schon Spaß. Die (wich ich finde) wunderschönen Sportsitze bieten sehr guten Seitenhalt. Der zuschaltbare, künstliche Motorsound ist dezent im Hintergrund, rundet das Fahrerlebnis aber wunderbar ab. Ich habe ihn bestimmt 10 Mal an- und ausgeschaltet, um mir eine Meinung zu bilden. Und am Ende habe ich ihn angelassen.
Galerie: Anzeigen des Corsa GSE-Displays
Und nun kommt das große Aber. Denn angesichts der Leistung auf dem Datenblatt hatte ich mir vom Corsa GSE schlicht mehr erwartet. Mehr Biestigkeit, mehr Feuer. Selbstredend war der Fahrhebel die ganze Zeit auf Sport (Normal und Eco gibt’s auch noch), doch wer viel mit E-Autos unterwegs ist, der ist da bisweilen ganz andere Charakteristika gewohnt. Aber Geschmäcker sind ja bekanntlich verschieden. Und Spaß haben kann man mit dem GSE natürlich dennoch. Außerdem: Meine zurückhaltende Euphorie sollte recht schnell zurückkommen.
Denn nachdem die Straßenverkehrsordnung-konforme Rundreise zuende war, folgte der Ausflug auf den engen Handlingkurs im „Driving Camp Pachwurth“. Und hier durften wir es endlich mal so richtig fliegen lassen. Ortsansässige Instruktoren fuhren mit einem GSE vorneweg und zeigten so auf, was möglich war. Es fiel daher sehr leicht, auch ohne Streckenkenntnis den Hobel richtig fliegen zu lassen, extrem spät in die Eisen zu gehen und die Kurven im perfekten Winkel einzudrehen.
Tja und erst auf so einem engen Vollgasgeläuf kann der Opel Corsa GSE seine Stärken ausspielen und es kommt echter Spaß auf. Dank der Sperre an der Vorderachse hielten sich durchdrehende Räder in Grenzen, man konnte extrem früh wieder aufs Gas steigen und die 440er Bremsen fingen das 1,5-Tonnen-Spielzeug wunderbar wieder ein. Sicher, bei jeder harten Bremsung (also in jeder Kurve) protestierte die Software und schmiss alle Warnleuchten an, doch auch nach mehreren Runden unter Volllast zeigten sich keine Ermüdungserscheinungen. Auch das überarbeite, doppelt-dimensionierte Kühlsystem für den 54-kWh-Akku (51 kWh nutzbar) machte sich bezahlt. Zumindest gefühlt standen auch in der letzten Runde noch alle Elektro-Pferdchen bereit.
Am Rande sei erwähnt, dass es für den Corsa GSE seitens Opel zwei unterschiedliche Bereifungsvorschläge gibt. Für die entspannte Gangart kann ein Hankook Ventus S1 evo3 aufgezogen werden, der dann eine Maximal-Reichweite von 374 Km ermöglichen soll. Wir waren indes auf Michelin Pilot Sport 4S 215/40 R18 unterwegs, die bei sportlicher Gangart aufgezogen werden sollten. Bei deren Wahl reduziert sich die WLTP-Reichweite zwar auf 354 Km, doch angesichts unserer Vollgasorgie auf dem Handlingskurs war das sicherlich unser geringstes Problem – wie das folgende Bild zeigt.
Also dann …. was bleibt am Ende vom (Test-) Tag? Opel bringt mit dem Corsa GSE einen elektrischen Hot Hatch auf den Markt, der im Alltag Freunde bereitet, aber erst bei harter Gangart sein ganzes Potenzial beweist. Sein Preis von 39.990 Euro liegt auf dem Niveau der Konkurrenz (mit weniger Leistung) bzw. deutlich darunter (bei ebenfalls weniger Leistung). Reichweite und Ladegeschwindigkeit (100 kW) gehen für ein Fahrzeug dieser Klasse in Ordnung und angesichts des Verkehrs auf deutschen Autobahnen sind auch die 180 Km/h Topspeed akzeptabel.
Ach ja: Natürlich hatte ich nach der ersten Landstraßen-Ausfahrt bei den Opel-Entwicklern nachgefragt, warum selbst der Sport-Modus des Corsa GSE keine wie von mir erwartete Biestigkeit brachte. Antwort: Weil man es natürlich allen Recht machen müsse und die meisten Fahrer/innen nun mal gerne solch eine Kennlinie bevorzugen würden. Tja, was soll man dazu sagen? Dann hoffe ich mal wieder auf die Zeiten, in denen man nicht nur aus Eco, Normal und Sport wählen, sondern auch noch „Extra für Jan“ einstellen kann.







