Nichts für Föhnfrisuren: ohne Dach in 1,92 Sekunden auf 100, und Schluss ist erst bei 330 km/h. Wer bei offenem Verdeck schon mal 130 auf der Autobahn gefahren ist, kann sich ungefähr vorstellen, was bei über 300 km/h im Innenraum passiert. Da sollte das Toupet ordentlich festgetackert sein. Aber schnell schnell werden ist ja nun nichts besonderes mehr. Deswegen ist schnell langsam werden das Highlight des Czinger 21C.
Also lassen wir den klassischen Roadster-Romantikkram mit Küstenstraße, Sonnenuntergang und entspannten Cruisen heute mal weg, und konzentrieren uns ein wenig auf die Technik. Denn hier liegt der Kern des 21C Spyder.
Und die betroffenen Bauteile wirken durchaus außerirdisch. Ein unheilige Mischung aus H.R. Giger und höchster irdischer Ingenieurskunst.
Der Grund dafür nennt sich „BioLogic Engineering“. Viele Strukturen des Autos werden per Computer auf möglichst geringes Gewicht und maximale Belastbarkeit optimiert und anschließend “additiv gefertigt”. Oder wie wir normalen Leute sagen: 3D-gedruckt. Das Ergebnis erinnert teilweise weniger an klassische Autoteile und mehr an Knochen. Oder Requisiten aus der Alien-Filmreihe. Nur eben mit TÜV-Potenzial.
Power, Power, Power:
- Lamborghini Revuelto SV: 1.065 PS, 9.500 Touren, keine Gnade!
- Koenigsegg CCGT1: Jetzt wird’s irre!
- Bugatti Destrier: Ist das der schönste Bugatti überhaupt?
Wir Männer wussten es ja schon: es kommt nicht auf die Größe an
Hinter den Insassen sitzt ein – man möchte sagen winziger – 2,88 Liter Biturbo-V8. Klein, aber fein. Denn der zierlich bemessene Achtender knallt bis auf 11.000 Touren rauf und liefert dabei alleine schon 760 PS.
Vor gar nicht allzu langer Zeit hätte das jedem Sportwagen-Enthusiasten noch ein ehrfürchtiges “Hui” entlockt. Aber heute? Ein guter Freund, seines Zeichens Normalverdiener mit Kind und kleinem Reihenmittelhäuschen, hat sich gerade erst einen Hyundai Ioniq 5N für einen halbwegs schmalen Taler privat geleast. Mit 650 PS und Platz für die ganze Familie.
Oder wie wäre es mit einem BMW i4 M60? Den finanziert man zwar auch nicht mit einem Azubi-Gehalt, er ist aber bei einem Grundpreis von 73.000 Euro durchaus für den einen oder anderen in Reichweite, und sprintet in 3,7 Sekunden auf 100 km/h. Ein brandneuer 911er braucht dafür 0,2 Sekunden länger. Und belastet das Konto schon in der Basis deutlich sechsstellig.
Wir sind also längst in einer automobilen Gegenwart angelangt, in der Leistung, Luxus, Emotion und am Ende auch automobile Konvention neu gemischt wurden.
Wenn sehr viele PS nicht mehr genug sind für einen hochexklusiven Hypersportwagen, dann hilft nur eines: noch mehr PS. Und da kommt das Hybridsystem ins Spiel.
Zwei Elektromotoren treiben unabhängig voneinander die Vorderräder an. Eine dritte E-Maschine sitzt an der Kurbelwelle und kümmert sich unter anderem um Rekuperation und Unterstützung des Verbrenners.
Das Resultat: 1.267 PS Systemleistung und 938 Newtonmeter Drehmoment. Wie gesagt: nichts für Toupetfans.
Anders formuliert: ausreichend motorisiert.
Mehr Exoten:
- Gunther Werks GXR-EVO: Tracktool-Restomod mit Straßenzulassung
- Gordon Murray Automotive S1: Neuer McLaren F1
- Eccentrica V12 Roadster: Lamborghini Diablo Roadster Restomod
Die Fahrleistungen passen zum Datenblatt. Laut Czinger erledigt der 21C Spyder den Sprint von 0 auf 100 km/h in 1,92 Sekunden, die Viertelmeile – vielleicht der heilige Gral des US-amerikanischen Autoquartetts – ist nach 8,7 Sekunden Geschichte und erst bei 330 km/h ist Schluss. Noch mal ein Vergleich: ein Bugatti Chiron in Standardausführung braucht über 9 Sekunden. Der Vergleich ist durchaus angebracht, denn beide liegen, bzw. lagen zum Start jenseits der Zweimillionen-Euro-Marke und sind mit 1.267 und 1.500 PS auch leistungsmäßig in derselben Liga.
Der Czinger 21C steht also ganz gut im Futter, könnte man sagen.
Das Getriebe: extrem schnell und 3D-gedruckt.
Der V8 schickt seine Leistung über ein Siebengang-Getriebe von Xtrac, eigentlich im Motorsport angesiedelt, an die Hinterräder. Geschaltet wird elektrisch und ziemlich flott: Drei kleine E-Motoren kümmern sich um Kupplung und Gangwechsel, die in unter 100 Millisekunden erledigt sein sollen. (Das schafft übrigens ein 911er Turbo auch). Nebenbei bügeln sie auch noch die kurzen Leistungslöcher beim Schalten glatt. Selbst das Getriebegehäuse kommt dabei nicht von der Stange, sondern wird gewichtsoptimiert per 3D-Druck gefertigt. Additiv, quasi.
Dazu gibt’s ein 800-Volt-System und zwei kleine Batterien. Elektrisch zum Bio-Bäcker fahren ist allerdings nicht der Plan. Die Akkus speichern überschüssige Energie und schicken sie bei Bedarf an die Vorderachse – vor allem für maximalen Grip beim Start.
Das Fahrwerk: extrem präzise und 3D-gedruckt
Wer die deutlich mehr als zwei Millionen Scheine an Czinger überweist, der bekommt natürlich nichts von der Stange. Sondern aus dem 3D-Drucker.
Der 21C Spyder nutzt eine Pushrod-Aufhängung mit Doppelquerlenkern, innenliegenden Federn und elektronisch einstellbaren Dämpfern. Die Querlenker werden dabei – ihr vermutet es schon – additiv gefertigt.
Kompromisslos wird es beim Auswählen von „Track+“. Dann geht der Spyder 25 Millimeter in die Knie, während die Dämpfung gegenüber der komfortabelsten Einstellung um 50 Prozent straffer wird. Dann sollte vermutlich nicht nur das Toupet getackert, sondern auch die Zahnfüllungen fachgerecht montiert sein.
Czinger beteuert zwar, dass Straßentauglichkeit und Komfort bei aller Rennsport-Technologie nicht “unter die Räder” kommen. Mit einer Empfehlung für deutsche Dorfstraßen wäre ich aber vorsichtig. Mir fällt schon in meinem MX-5 regelmäßig eine Bandscheibe aus der Verankerung, wenn ich mal die Hauptwege bei uns im Bergischen Land für einen Abstecher in kleine Ortskerne verlasse.
Die Bremse: extrem neu und 3D-gedruckt
Bis hierhin haben wir also einen 11.000-Touren-V8, drei Elektromotoren im Hybridsystem, 1.267 PS, 3D-gedruckte Fahrwerksteile und Fahrleistungen irgendwo zwischen Rennwagen und Katapult.
Aber richtig faszinierend wird es erst bei der Bremse.
Czinger nennt die Konstruktion BrakeNode. Auch hier wieder das Gebot der Stunde: additiv. Ein einzelnes Bauteil, wo normalerweise Sattel, Radträger und auch Leitungen für Hydraulikflüssigkeit als einzelne Komponenten werkeln. All das vereint Czinger in einem aufwendig gestalteten Stück Aluminium, welches zu 37% hohl ist.
Das sorgt dafür, dass nicht nur die Anzahl der Teile, sondern auch die ungefederte Masse geringer wird, die Steifigkeit um 30 Prozent erhöht und dabei der Bremsweg um bis zu 15% verkürzt wird. Dazu tragen dann auch die eher konventionellen Carbon-Keramik-Scheiben bei, die vorne 41cm und hinten 39cm messen. Veritable Familienpizzen also.
Das System hat der Spyder übrigens seinem geschlossenen Bruder voraus.
Dabei ist der 21C Spyder übrigens auch noch extrem wartungsfreundlich. Die Bremsbeläge lassen sich nach oben entnehmen, die Bremsscheiben seitlich. Super also für alle, die sowas gerne zuhause in der eigenen Einfahrt mit dem extra bei Obi gekauften Rangierwagenheber erledigen wollen.
Der Preis: obszön, aber in guter Gesellschaft.
Der 21C Spyder startet bei 2,75 Millionen US-Dollar netto, umgerechnet also knapp 2,4 Millionen Euro. Da liegt man irgendwo bei Bugatti Tourbillon, Pagani Utopia oder Aston Martin Valkyrie.
Allerdings sind diese drei Kollegen mit einer Stückzahl von jeweils etwa 200 bis 300 Fahrzeugen reinste Massenware.
Wem das zu teuer ist, der kann dann einfach den geschlossenen 21C kaufen. Man spart etwa 400.000 Dollar. Das reicht, um sich noch einen Lamborghini Temerario als Daily Driver zu kaufen.
Dass es ein Auto mit siebenstelligem Preis nicht vom Band gibt, sollte klar sein. Der Spyder wird exakt 30 mal gebaut – von Hand versteht sich, und sofern sich denn ausreichend gut betuchte Besteller finden. Und jeder einzelne wird gemeinsam mit dem zahlungskräftigen Kunden vollständig individuell konfiguriert. Wäre natürlich auch peinlich, wenn du aus dem LIDL kommst und dann steht da der exakt gleiche 21C Spyder auf dem Parkplatz neben dir.
Für wen ist der Czinger 21C Spyder denn nun gedacht?
Die Zielgruppe für ein auf 30 Exemplare beschränktes Hypercar-Cabrio, konstruiert irgendwo zwischen Ingenieurskunst und technischem Größenwahn und bepreist wie eine Villa in den Hollywood Hills, ist wohl eher spitz. Der saudische Öl-Milliardär. Der amerikanische Versandhandels-Milliardär. Der südafrikanische Weltraum/Social Media/Flammenwerfer-Milliardär. Korrupte FIFA-Funktioniäre. Aber natürlich auch der Otto-Normal-Formel-Eins-Fahrer, Filmstar oder Jay Leno, der mit einer Sammlung von 180 Autos und 160 Motorrädern im Wert von weit über 100 Millionen Euro wohl tatsächlich ein Kandidat für das Czinger Hypercar sein dürfte.
Was uns betrifft? Wir müssen mit Pressebildchen zufrieden sein.
Bis dahin,
Additiv… äh, Adios.
Galerie (22 Bilder)









