Noch hängen vereinzelt Nebelschwaden über dem Allgäuer Voralpenland. Erste Sonnenstrahlen blitzen auf das goldgelbe Herbstlaub und die Straßen sind vom Morgentau belegt. Später aber soll es warm werden – eigentlich zu warm für die aufgezogenen Winterreifen. Wir aber planen voraus. Schließlich bewegen wir unseren Alpina B4 S Bi-Turbo nicht nur auf Meereshöhe, sondern wollen hoch hinaus. Genauer gesagt in die Dolomiten. Mitte Oktober ohne ordentliche Bereifung ein Wagnis. Teuer noch dazu, lässt man sich in Österreich bei Schneefall ohne passende Pneus erwischen.

Bevor es auf die Jagd nach Höhenmetern, Kurven und vielleicht der ein oder anderen Schneeflocke geht, heißt es aber erst einmal tief durchatmen. Der Fernpass liegt zwischen uns und dem Ötztal. Busse, LKWs und Wohnmobile quälen sich über die Verbindungsstraße nach Österreich, lassen uns im B4 S aber Zeit den Wagen kennenzulernen. Als Powerhouse für das Bayerncoupé dient ein stark modifiziertes N55 Triebwerk, in seinen Grundfesten noch bekannt aus dem 435i. Wer allerdings einen Alpina B4 S Bi-Turbo bestellt erhält keine 306, sondern mächtige 440 PS, zwei Turbolader und ein sattes Drehmoment von 660 Newtonmetern das zwischen 3.000 und 4.500 Umdrehungen pro Minute anliegt. Wir denken nicht mehr an einen normalen 4er BMW, wollen den B4 S gedanklich eher mit dem aktuellen M4 messen.

Es wäre aber zu kurz gegriffen das Manufakturprodukt aus Buchloe mit dem Krawallbruder aus Garching zu vergleichen. Das merken wir vor allem, als sich nach Imst der Verkehr das erste Mal spürbar löst und der Alpina mehr Auslauf bekommt. Die langgezogenen Landstraßen des Ötztals bieten ideale Bedingungen um die Sprintgewalt des B4 S auszutesten. Bereits kleine Lücken reichen dem dunkelblauen Coupé aus um andere Verkehrsteilnehmer sicher, schnell und ohne großes Getöse zu überrunden. Es fällt auf wie entspannt der B4 S seine Kraft entfaltet. Der Bi-Turbo schwimmt auf einer Welle aus Leistung und Drehmoment, die serienmäßige 8-Gang Sport-Automatik mit Alpina Switch-Tronic schaltet beinahe unmerklich.

Bei aller Perfektion laden die Einstellungsmöglichkeiten der Fahrprogramme dennoch dazu ein, sein persönliches Lieblings-Setup zu finden. In unserem Falle bedeutet das: den Fahrerlebnisschalter auf Sport Plus gestellt, das elektronisch geregelte Alpina-Fahrwerk im Comfort-Modus belassen und den Automatikwählhebel in die S-Gasse gedrückt. Nichts ist notwendiger als das Überflüssige denken wir uns, als die vier Akrapovič-Fanfahren am Heck des Alpina B4 S ihren sonoren Klang in die österreichische Bergwelt drücken. Hinauf auf das Timmelsjoch sinken die Außentemperaturen, im Innenraum hingegen wird es stetig wärmer. Glückshormone werden freigesetzt, versetzen Körper und Geist in Wallung, als die Kehren enger und die Straßen immer leerer werden. Zu allem Überfluss belohnt uns Petrus noch mit einem wolkenlosen Himmel.

Angekommen auf dem 2.474 Meter hohen Grenzpass zwischen Österreich und Italien ist es Zeit für eine kurze Pause. Leise knisternd steht der Bi-Turbo vor uns, glänzt und stahlt in seinem Alpina Blauen Lackkleid mit der Herbstsonne um die Wette. Wir fragen uns, wer, neben Alpina Grün, überhaupt eine andere Farbe ordern wollen würde? Zwar ist der neue B4 S Bi-Turbo erst seit Frühjahr 2017 auf dem Markt, doch wirkt er bereits jetzt wie ein zukünftiger Klassiker. Wohl proportioniert, nicht verlegen seine edle Manufakturherkunft zu präsentieren und auf passenden 20 Zoll Vielspeichenfelgen stehend gibt es kaum etwas, dass wir bei der Bestellung anders machen würden.

Weiter geht es durch enge Tunnel, über schmale Straßen, vorbei an beeindruckenden Bergpanoramen nach Südtirol. Meran ist nur noch einen Steinwurf entfernt, Sankt Pauls nahe Bozen unser angepeiltes Tagesziel. Auf den steilen Bergstraßen kann der Alpina noch einmal zeigen was in ihm steckt. Ein vorausfahrender Motorradfahrer weist uns die Ideallinie, bremst harsch falls ihm in der nächsten engen Kurve ein Bus entgegenkommt. Die, in Zusammenarbeit mit Drexler entwickelte, mechanische und drehmomentfühlende Differentialsperre leistet derweil ganze Arbeit. Hilft, den B4 S auch im Grenzbereich kontrolliert zu steuern. Ebenfalls erwähnenswert ist die standfeste und verzögerungsfreie Brembo-Bremsanlage des Bi-Turbo. Selbst nach vielen, schnellen, Kilometern bergab gab es keinerlei Ermüdungserscheinung.

Die Nacht über standesgemäß hinter hohen Zinnen geparkt, ist der Alpina B4 S Bi-Turbo für viele Fußgänger ein Blickfang. Die großen Letter auf der Frontschürze fallen auf. Kenner wissen was sie vor sich haben, wollen das seltene Luxuscoupé von Nahem begutachten. Die Detailverliebtheit des Innenraums bleibt den Meisten allerdings verborgen. Das mit blau/grünen Ziernähten in Handarbeit gefertigte Lavalina-Lenkrad, die eingelassenen Alpina-Prägungen in den Sitzen und Fußmatten oder die mit Leder bezogenen Interieurleisten sind nicht nur optisch ansprechend, sondern fassen sich auch erstklassig an. Freilich hat der Kunde bei Alpina die Qual der Wahl, kann sich seinen Innenraum ganz nach seinem Gusto individualisieren lassen.

Individuell ist seit dem Facelift der F32 Baureihe auch die Menüführung des BMW Professional Navigationssystems. Von Alpina unberührt gelassen geht unser Rüffel nach München. Wieso auf Biegen und Brechen etwas ändern, was bis dato so gut war? Wir wissen es nicht und quälen uns genervt durch die verschachtelten Untermenüs. Als die Route eingegeben, die Musik ausgewählt und die nächste Tankstelle als Sonderziel feststeht starten wir erneut den bärenstarken Sechszylinder des B4 S. Dessen drei Liter Hubraum fühlen sich, gepaart mit den zwei Turboladern, nach viel mehr Motor an und sorgen dafür, dass das Buchloer Coupé in nur 4,2 Sekunden auf Tempo 100 sprintet. 200 Kilometer pro Stunde fallen nach beeindruckenden 13,6 Sekunden. Abgeregelt wird bei Alpina nicht und so läuft der B4 S Bi-Turbo deutlich über 300 Kilometer pro Stunde Spitze.

Ein Tempo das man bei unseren österreichischen Nachbarn besser nicht auszureizen versucht. Eigentlich war nach unserem zweiten Etappenziel Lienz eine Überfahrt des Großglockner geplant. Massiver Schneefall und Schneekettenpflicht machten dieses Vorhaben allerdings zunichte. Wer allerdings unbedingt bei diesem Wetter den Bergfex geben will, dem empfehlen wir den B4 S mit Allradantrieb. Der von Alpina überarbeitete xDrive sorgt für beste Traktion und bietet zusätzliche Sicherheitsreserven. Als Freunde puristischer Hecktriebler juckt es uns natürlich im Gasfuß den hohen Alpenpass bei Schnee zu meisten. Ein Blick auf das Preisschild mahnt allerdings zur Vorsicht. Schließlich bewegen wir hier ein automobiles Meisterwerk für mehr als 93.000 Euro durch das winterliche Bergpanorama.

Es bleibt die Einsicht den Rückweg nach Bayern besser durch den Felbertauerntunnel und über den schneefreien Gerlospass anzutreten. Nach den vielen Kurven und Steigungen ist es zudem an der Zeit eine ruhigere Gangart einzuschlagen. Im Comfort-Modus, bei zurückhaltender Fahrweise, belohnt uns der BMW Alpina B4 S Bi-Turbo so mit einem erfreulich geringen Kraftstoffverbrauch. Rund 12 Liter Super Plus für die ständige Berg- und Talfahrt (mit Winterreifen) gehen mehr als in Ordnung. Wer den Alpina BMW gerne für die entspannte Reise auf der Autobahn nutzen möchte, schafft auch deutlich einstellige Verbrauchswerte. Die vom Werk angegeben 7,9 Liter auf 100 Kilometer rücken so in greifbare Nähe.

Fazit

Ist es legitim, nach dem BMW Alpina B5 Bi-Turbo, auch den BMW Alpina B4 S Bi-Turbo in allerhöchsten Tönen zu loben? Wir glauben: ja das ist es! Denn spontan fällt uns nichts ein, dass wir ernsthaft kritisieren könnten. Wer sich für ein Sportcoupé entscheidet weiß auf was er sich einlässt. Diskussionen über Kofferraumvolumen, Innenraumgrößen oder die beengte Kopffreiheit im Fond sind da fehl am Platz. Wir heben an dieser Stelle lieber hervor, dass man mit einem Alpina BMW im generellen mehr ein Genussmittel, statt ein bloßes Automobil erwirbt. Im Falle des Alpina B4 S Bi-Turbo könnte man gar von einer Droge sprechen. Die Abhängigkeit rührt vor allem aus dem Antriebsstrang heraus. Der N55 3,0-Liter-Reihensechszylinder ist bereits ohne das Zutun der Buchloer Automanufaktur ein Traum und wird durch den enormen konstruktiven Aufwand bei Alpina einfach noch besser. Dazu passend: das perfekt schaltende ZF-Automatikgetriebe, das keine Wünsche offen lässt. Wer nach dem Maximalprinzip ein Auto kaufen will kommt am BMW Alpina B4 S Bi-Turbo nicht vorbei – die Kombination aus Kraft, Eleganz und uneingeschränkter Alltagstauglichkeit ist in dieser Fahrzeugklasse unerreicht.

Technische Daten*

Modell: BMW Alpina B4 S Bi-Turbo
Motor: Sechszylinder-Reihe, Bi-Turbo, 2.979 ccm
Leistung: 440 PS (324 kW) zwischen 5.500 und 6.250 U/min
Drehmoment: 660 Nm zwischen 3.000 bis 4.500 U/min
Antrieb: Heckantrieb, 8-Gang Sport-Automatik mit Switch-Tronic
Verbrauch (ECE): 7,9 l SP 100/100 Km
Beschleunigung (0 – 100 Km/h): 4,2 s
Höchstgeschwindigkeit: 306 Km/h
Abmessungen (L/B/H): 4,64 m/1,37 m/1,83 m
Gewicht: 1.690 Kg
Grundpreis: 75.300 Euro

*Herstellerangaben

Fotos: Lydia Sölva und Thomas Vogelhuber