Wer über ein gewisses Langzeitgedächtnis verfügt, wird sich noch an den famosen 250 GT Lusso erinnern, den wir Mitte Januar vorstellten und schon da auf die besondere Bedeutung der Zahl 250 für Ferrari hinwiesen. Umso größer muss die Herausforderung gewesen sein, nach dem durchschlagenden Erfolg der 250er-Reihe mit ihren unzähligen Derivaten einen adäquaten Nachfolger auf die Räder zu stellen: Vorhang auf für den 275 auf der Mondial de l’automobile in Paris im Jahre 1964.

Das Design der als GTB (hier im Bild) und GTS (die offene Variante) vorgestellten Modelle war dabei im Vergleich zum 250 gar nicht in so großem Maße verändert worden, obwohl die beiden Modelle aus unterschiedlichen Designstudios entstammten: während der GTB bei Scaglietti gebaut wurde, entstand der GTS wie viele der 250er bei Pininfarina. Auffällig beim GTB war insbesondere aber die aerodynamischere Form der Frontschürze mitsamt der gläsernen Abdeckungen vor den Scheinwerfern. Wer 275 aus den Nachfolgejahren ansieht und mit unserem in Verde Pino lackierten Exemplar vergleicht wird möglicherweise feststellen, dass die Frontpartie bei den späteren Modellen länger erscheint und dies auch ist. Ein Kniff von Ferrari, um stärkeren Abtrieb auf die Vorderachse zu generieren und damit einen stabileren Geradeauslauf bei höheren Geschwindigkeiten zu ermöglichen. Die sogenannten Short-Nose-Varianten sind jedoch (noch) begehrter auf dem Sammlermarkt, auch wenn sie nicht seltener sind.

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Trotz der unverkennbaren Ähnlichkeiten zum 250 setzte man in Maranello alles daran, die Qualitäten unter dem Blech enorm zu verbessern. Man kann in dem 275 GTB damit tatsächlich einen echten Gran Turismo sehen, da er die Qualitäten von 250 GT SWB und 250 GT Lusso so gekonnt miteinander verband wie kein anderer Ferrari je zuvor: die Qualitäten eines Reisewagens mit ausreichendem Komfort und starken Motor und die eines Rennwagens mit Fahrwerk und Chassis, die auch tauglich und haltbar genug für Langstreckenrennen waren. Zwar vertraute man bei Ferrari wie zuvor auf den altbewährten Leiterrahmen, doch wurde mit dem 275 erstmals in einem Straßen-Ferrari eine Einzelradaufhängung an der Hinterachse verwendet. Auch das Getriebe saß in Transaxle-Bauweise auf der Hinterachse, was eine gänzlich neue Achseinheit erforderte, da schließlich auch das Differential noch untergebracht werden musste. Diese Neuerungen gemeinsam sorgten für eine außergewöhnlich ausgewogene Gewichtsverteilung und dürften gleichzeitig Dynamik und Fahreindruck erheblich gesteigert haben.

Für standesgemäßen Vortrieb sorgte wie gewohnt der sogenannte Colombo-V12, der jedoch im Vergleich zum 250 GT über einen auf 3,3 Liter aufgebohrten Hubraum und Trockensumpfschmierung verfügte. Die Hubraumerhöhung sorgte für eine beträchtliche Steigerung des Drehmoments, das dem Ansprechverhalten des Motors gerade bei mittleren Drehzahlen enorm zugute kam. Der V12 leistete zwischen 280 und 320 PS und brachte es auf ein Drehmoment von knapp 300 Newtonmeter Drehmoment. Mit dem serienmäßigen Fünfganggetriebe brachte es der 275 GTB auf eine Beschleunigung von knapp acht Sekunden auf 100 Km/h, die Höchstgeschwindigkeit betrug fantastische 260.

Noch etwas fixer ging es im zwei Jahre später vorgestellten 275 GTB/4 zu, der serienmäßig über 2 mal 2 Nockenwellen und über mindestens 300 PS verfügte – optisch hingegen unterschied er sich kaum vom „normalen“ 275 GTB. Mindestens so selten ist er trotzdem: man spricht von gut 280 Exemplaren, wohingegen vom 275 GTB gut 450 produziert wurden. Seltener wurde der offene GTS geordert: hiervon wurden 200 Stück hergestellt.

Der abgebildete 275 GTB trägt nach einigem Hin und Her wieder seine Originalfarbe Verde Pino und wurde am 8. Februar dieses Jahres von RM Sotheby’s für 1,93 Millionen Euro in Paris versteigert.

Bildquelle: RM Sotheby’s / Tom Gidden

Zurück zum Vorgänger des 275 geht es hier:
70 Jahre Ferrari, Teil 2: 250 GT Berlinetta Lusso

Zeitgleich mit dem 275 wurde ein luxuriöserer Vertreter vorgestellt:
70 Jahre Ferrari, Teil 4: 330 GT 2+2

Einen etwas anderen Luxus hingegen sprach Ferrari mit diesen Epochenvertretern an:
70 Jahre Ferrari, Teil 1: der F40
70 Jahre Ferrari, Teil 3: Testarossa „Monospecchio“

Wir haben da auch was für jemanden, der eher der neuen Zeit zugetan ist:
70 Jahre Ferrari, Teil 5: 575 Superamerica
70 Jahre Ferrari, Teil 7: der F50

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