Um den Ferrari 512 BBi zu verstehen, muss man in der Zeit – fast schon wie immer – ein wenig zurückgehen. Im Jahre 1973 wurde mit dem 365 GT/4 Berlinetta Boxer (kurz: BB) der letzte Ableger der 365er-Serie präsentiert, der sich jedoch vollends von den bisherigen 365ern unterschied: das Mittelmotor-Layout war neu in der Sportwagenszene, Enzo Ferrari folgte damit Ferrucio Lamborghini, der dieses zur Zeit des Frontmotor-365 GTB „Daytona“ schon etabliert hatte. Die Bezeichnung Berlinetta Boxer war auf den vollkommen neu entwickelten 4,4-Liter-V12 bezogen, die aus dem Motor dennoch keinen echten Boxermotor macht: während beim Boxermotor die Pleuel zweier sich gegenüberliegenden Zylinder auf zwei Hubzapfen angeordnet sind, was möglich macht, dass sich die Kolben gegenläufig bewegen können, greifen beim Berlinetta Boxer jeweils zwei Pleuel am selben Hubzapfen auf der Kurbelwelle an, sodass sich die Kolben stets in derselben Richtung bewegen. Man spricht daher beim Berlinetta Boxer auch vom 180-Grad-V12.

Bild: RM Sotheby’s / David Bush

Diesen 180-Grad-V12 besaß auch der Nachfolger des 365 GT/4, der 512 BB, der 1976 auf dem Pariser Autosalon vorgestellt wurde und trotz neuer Bezeichnung nicht viel mehr als ein großes Facelift des Vorgängers war. Der V12 wurde nun auf rund fünf Liter Hubraum vergrößert, was auch die Nomenklatur erklärt. Breitere Reifen passten unter die ebenfalls verbreiterte Karosserie, der 512 verfügte über vier Rückleuchten und vier Auspuffrohre als Unterscheidungsmerkmal. Die Mehrleistung von rund 16 PS im Vergleich zum 365 konnte sich jedoch nicht in besseren Fahrleistungen niederschlagen, da der 512 bedeutend schwerer wurde. Nicht nur die Änderungen an der Karosserie, sondern auch ein paar zusätzliche Luxusaccessoires wie Sound- oder Klimaanlage trugen hierzu entscheidend bei.

Bild: RM Sotheby’s / David Bush

Und – man glaubt es kaum – selbst Ferrari musste sich Anfang der Achtziger den strengen Abgasvorschriften, ganz besonders denen in den USA, unterwerfen und stellte im Jahr 1981 auf der IAA in Frankfurt den 512 BBi vor – die Doppelvergaser wichen einer Bosch K-Jetronic-Benzineinspritzung. Daraus folgte nicht nur eine etwas geringere Leistung von nunmehr 340 PS, auch der Verbrauch wurde geringer und leider auch die Höchstgeschwindigkeit: zwar gehen die Angaben wie gewohnt auseinander, doch gilt als sicher, dass der 512 nie annähernd die Fahrleistungen des 365 erreichte, auch wenn die Vergaservariante mit einer angegebenen Höchstgeschwindigkeit von 302 Km/h das Prädikat „schnellstes Serienfahrzeug“ erhielt.

Bild: RM Sotheby’s / David Bush

Dem Erfolg des 512 BBi taten derartige Erwägungen jedoch keinen Abbruch: bis zur Produktionseinstellung im Jahre 1984 und der Vorstellung des Nachfolgers mit dem großen Namen Testarossa wurden 1.007 Exemplare gebaut – etwas mehr als vom 512 BB und bedeutend mehr als vom 365 GT/4 BB.

Bild: RM Sotheby’s / David Bush

Dieses 1983 gebaute Exemplar des 512 BBi ist eines der letzten und wurde am 19. Januar dieses Jahres in Arizona für 210.000 US-Dollar von RM Sotheby’s versteigert.

Bildquelle: RM Sotheby’s / David Bush

Fast zur gleichen Zeit wurde auch eine Art „Einstiegsferrari“ vorgestellt:
70 Jahre Ferrari, Teil 8: 328 GTS

Und von späteren „Einstiegsferrari“ gab es wiederum einige Sportvarianten:
70 Jahre Ferrari, Teil 10: 360 Challenge Stradale
70 Jahre Ferrari, Teil 11: Scuderia Spider 16M

Den Nachfolger des 512 BBi behandelten wir ebenfalls:
70 Jahre Ferrari, Teil 3: Testarossa „Monospecchio“

Schneller waren dann F40 und dessen Nachfolger:
70 Jahre Ferrari, Teil 1: der F40
70 Jahre Ferrari, Teil 7: der F50

Einen V12, jedoch vorne eingebaut, hatten diese Exemplare:
70 Jahre Ferrari, Teil 2: 250 GT Berlinetta Lusso
70 Jahre Ferrari, Teil 4: 330 GT 2+2
70 Jahre Ferrari, Teil 5: 575 Superamerica
70 Jahre Ferrari, Teil 6: 275 GTB
70 Jahre Ferrari, Teil 12: 365 GTB/4 Daytona
70 Jahre Ferrari, Teil 13: 456M GTA

Galerie