Der Ferrari 456 kam kurz nach einer Zeit des Hypes. Der Tod Enzos war noch nicht lange her, die Preise für sämtliche Gebrauchte stiegen ins Unermessliche, selbst für einen Standard-V8-Mittelmotor gab es Wartezeiten von über einem Jahr. 1992 war der Spuk schon wieder fast vorbei – offenbar hatte man ausreichend kommuniziert, dass es auch weiterhin neue Ferrari geben sollte. Wie beispielsweise der besagte 456 GT, der auf der Mondial de l’automobile in Paris im Herbst 1992 vorgestellt und ab dem Januar des Folgejahres ausgeliefert wurde. Er steht in der Tradition großer Frontmotor-Ferrari, mit vier Sitzplätzen und einem kräftigen V12 unter der langen Fronthaube. Perfekt für die lange Reise quer durch Europa – entweder mit mehr als zwei Personen oder einer großen Portion Schuhkartons für die Gattin auf dem Beifahrersitz.

Bild: RM Sotheby’s / Daniele Tenconi

So einen Ferrari hatte es immerhin drei Jahre lang nicht mehr gegeben. Der 456, der zunächst als GT mit Sechsgang-Schaltgetriebe erhältlich war, legte die Ecken und Kanten des Achtziger-Jahre-Schönlings 412 ab, wurde deutlich rundlicher, moderner, doch nicht modisch. Auf die damals faszinierenden Klappscheinwerfer wollte man nicht verzichten und trotzdem – oder gerade deswegen – wirkt der große Zwölfzylinder auch heute nicht alt. Gerade im Vergleich zu seinem Vorgänger hat er sich übermäßig gut gehalten. Daraus resultiert auch seine ziemlich lange Bauzeit von über elf Jahren. Erst 2004 wurde er vom abermals größeren 612 Scaglietti abgelöst.

Bild: RM Sotheby’s / Daniele Tenconi

Bemerkenswert dabei: streng genommen löste der 456 den abermals in die Jahre gekommenen Mondial ab. Denn dieser war der einzige Ferrari, den es zum Zeitpunkt der Vorstellung des 456 mit vier Sitzplätzen gab. Doch anders als der V12 wusste der Mondial mit seinem quer eingebauten V8 nur wenig Emotionen bei den Kunden zu wecken. Passend zur Markteinführung des 456 wurde er wohl auch deswegen ersatzlos eingestellt. Die Fahrer des über 300 Km/h starken 456 verlangten derweil nach mehr Komfort. Daher schob man in Italien im Jahre 1996 den 456 GTA hinterher, der mit seiner Viergang-Wandlerautomatik den lästigen Schaltvorgängen ein Ende bereiten sollte. Doch obwohl die Mehrzahl aller 456 später als Automat geordert wurden, blieb er fahrdynamisch deutlich hinter den Erwartungen zurück. Vier Gänge waren auch 1996 nicht mehr state of the art, ferner gab es keine manuelle Eingriffsfunktion, wie es Porsche zum Beispiel mit seiner Tiptronic anbot. Doch auch die Abstimmung konnte man nicht als gelungen bezeichnen: da der vierte Gang als Schongang ausgelegt wurde, erreichte der 456 GTA seine Höchstgeschwindigkeit von 298 nur mit sehr viel Anlauf und Geduld. Vorher war zumeist der 110 Liter Super Plus fassende Tank alle – trotz 442 PS und 550 Newtonmeter Drehmoment.

Bild: RM Sotheby’s / Daniele Tenconi

Alle, die im Jahre 1998 hofften, dass Ferrari mit dem Facelift und der Bezeichnung 456M (das „M“ steht für „Modificata“) entweder an der Leistungs- oder Getriebeschraube drehen würde, dürften enttäuscht gewesen sein. Zwar brachte das Update eine frischere Optik mit neuen Scheinwerfern und einem überarbeiteten Innenraum, es blieb jedoch technisch beim 5,5-Liter V12 mit einer dank Bosch Motronic 5.2 geringfügig höheren Leistung und besagter Automatik für den GTA. Ein solches Faceliftmodell ist auch das hier gezeigte Fotofahrzeug, das in extravaganter Farbkombination Argento Nürburgring und grünem Leder konfiguriert wurde. In Italien ausgeliefert und dort stets angemeldet, hat es nun gerade 45.000 Kilometer auf dem Tacho. Es wurde am 3. Februar 2016 von RM Sotheby’s für 61.600 Euro versteigert.

Bildquelle: RM Sotheby’s / Daniele Tenconi

Unsere Klassiker-Reihe hat natürlich noch weitere Teile. Viele handeln von 12-Zylinder-Ferrari:
70 Jahre Ferrari, Teil 2: 250 GT Berlinetta Lusso
70 Jahre Ferrari, Teil 3: Testarossa „Monospecchio“
70 Jahre Ferrari, Teil 4: 330 GT 2+2
70 Jahre Ferrari, Teil 5: 575 Superamerica
70 Jahre Ferrari, Teil 6: 275 GTB
70 Jahre Ferrari, Teil 7: der F50
70 Jahre Ferrari, Teil 9: 512 BBi
70 Jahre Ferrari, Teil 12: 365 GTB/4 Daytona

Wer sich trotz aller Emotionen lieber für die Achtzylinder-Varianten erwärmen kann, für den haben wir noch:
70 Jahre Ferrari, Teil 1: der F40
70 Jahre Ferrari, Teil 8: 328 GTS
70 Jahre Ferrari, Teil 10: 360 Challenge Stradale
70 Jahre Ferrari, Teil 11: Scuderia Spider 16M

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